Abitur 2009

Die Feier und der Abiball

26.6.09

 

Die Fotos der Abiturfeier von Robert Vossebürger

 

Wenn sie gut sind, halten Abiturfeiern ein paar Geschichten parat, die für ein paar Jahre halten, vielleicht auch fürs Leben. In diesem Sinne war es eine vorzügliche Abiturfeier!

 

Barthel Korn, der Vorsitzende der Schulpflegschaft, hielt seine Jungfernrede in diesem Amt - eine fulminante! Er nahm die Versammlung mit auf eine Traumreise, genauer gesagt: eine Alptraumreise. Man ging an Bord eines Piratenschiffes - getreu dem diesjährigen Abi-Motto: Pirates of the CarABIan. Piraten wollen fette Beute machen, versteht sich. Deshalb legen sie an verschiedenen Inseln an. Zum Beispiel im Ausbildungsland, wo sie verstört feststellen, dass es hier nichts zu holen gibt: Keine Ausbildungsplätze, zu wenig Lehrstellen, Bezahlung katastrophal - schnell weg hier! Der zweite Landgang führt dann ins Hochschulland. Da gibt es ein paar ältere Damen und Herren, "Professoren", und unendlich viele Lauscher, genannt "Studenten". Sie lauschen ergeben den Professoren. Dafür müssen sie "Lauschgeld" zahlen - 500 Silberlinge pro "Semester"! Sie tun das in überfüllten Lauschsälen - Spaß macht das nicht! Trotzdem bleibt ein beträchtlicher Teil der Piratenmannschaft in diesem Land zurück. Schließlich landet man im Jobland, was sich eigentlich zunächst mal gut anhört. Dummerweise muss man viele "Vorjobs" annehmen, bevor man den eigentlichen Job bekommt, wenn überhaupt: Praktika, geringfügige Beschäftigung, Volontariate, 400-Silberlinge-Jobs und ähnliches. Und zum Schluss dann einen Job, bei dem man gar nichts tun darf: den "Hartz IV-Job". Komischerweise bleiben auch hier einige Piraten hängen. Den Rest der Mannschaft aber graust es - sie reißen das Ruder herum und fahren mit dem Piratenschiff wieder in den sicheren Heimathafen zurück: Europaschule Kerpen. Da aber steht der Hafenmeister und sagt: Hier kommt ihr nicht mehr rein! In dem Moment platzt der Traum - es war ein Alptraum! Das Leben ist natürlich ganz anders, da ist alles schön, alle Länder bieten reichliche Beute: das Ausbildungsland, das Hochschulland, das Jobland.... oder? Zumindest, wenn man das Leben nicht als Traum lebt, sondern es selbst in die Hand nimmt! Das war die Botschaft der Geschichte von Barthel Korn. Eine sehr berührende Geschichte!

 

Lukas Landsberg und Anja Kemmerling bei ihrer Rede; klick drauf, dann wird das Bild groß!

 

Auch Anja Kemmerling und Lukas Landsberg, die für die Abiturienten sprachen, flochten kritische Gedanken in ihre Rede - für mich eine der besten Abiturreden der letzten Jahre! Am Anfang dachte man noch: Friede, Freude, Eierkuchen: Aus 230 Unbekannten der Jahrgangsstufe wurden Freunde... in die gekonnt gesetzte Pause fiel ein leichtes Kichern der Abiturienzia. Aha: Ironie! 1Live Schulduell: Versemmelt! Gelächter. Wer aber glaubte, hier wird eine Stufe niedergemacht, der irrte. Was folgte, war eine hochintelligente, messerscharfe kritische Analyse der Welt, in die die Abiturienten entlassen werden: Der Klassenkampf in der Schule setzt sich ins Leben fort, Beschleunigung und Effizienz sind angesagt, Turbo- und Zentralabitur, das Streben nach immer mehr - "Make the most of now!" heißt der Slogan einer Mobilfunkfirma. "Nichts ist unmöglich" behauptet eine Automobilfirma. "Gib alles und verlange nichts dafür!" setzten die Abiturienten dagegen. Oder mit Einstein: "Die Welt hat vollkommene Mittel, aber verworrene Ziele". Sich gegen die Vereinnahmung durch fremde Mechanismen zu wehren - das muss das Ziel der Abiturienten sein, sagen Anja Kemmerling und Lukas Landsberg. Ein Satz, der unter jedem Abiturzeugnis stehen sollte. Danke für diese große Abiturrede!

 

Kritische Ideen auch bei der Rede des Schulleiters Bernhard Ripp: Er verwies auf das vielfache Scheitern demokratischer Ansätze in der Geschichte. In der attischen Demokratie hatten von vorneherein Frauen, Sklaven und Fremde keinerlei Rechte. Die Staatsverdrossenheit führte später zur Diktatur. In der römischen Res Publica, von Cicero mit der Freiheitsidee verknüpft, gab es nie freie Wahlen; sie mündete in der Monarchie. Die glorreiche Französische Revolution - "Liberté, Egalité, Fraternité" - endete in Napoleons Kaisertum, die Weimarer Republik im Nationalsozialismus. Welche Lehren sollen die jungen Menschen daraus ziehen? Informiert euch! Engagiert euch! Geht wählen!! Am 30.8.09 bei den Kommunalwahlen und am 27.9.09 bei der Bundestagswahl!

 

Frau Sieburg, die Kerpener Bürgermeisterin, verwies darauf, dass "Abitur" von lat. "abire" komme: davon gehen, sich lösen, vielleicht auch: sich verlaufen, den Rücken kehren. Sie erntete einige Lacher, als sie auf den Gedanken der Pädagogin Maria Montessori verwies, wonach das Ziel der Schule sei, die jungen Menschen in die Erwachsenenwelt zu integrieren ohne dass sie dort stören.

 

Pfarrer Ralf Herbertz und Klaus Bilstein hatten im Abiturgottesdienst die Geschichte von Elia in den Mittelpunkt gestellt: Der Sunnyboy, dem alles gelingt, der immer Erfolg hat, der mit seinem grenzenlosen Selbstbewusstsein die Menschen mitreißt. Als sich aber sein Schicksal wendete, er am Boden lag, da hatte er die Kraft, wieder aufzustehen, zu kämpfen und sein Leben in die Hand zu nehmen.

 

Die übrigen Geschichten der Abiturfeier wurden musikalisch erzählt: An Nam Pham spielte die Etude op. 25 Nr. 12 von Chopin, Christina Schaberger, Andreas Frantzen und wieder An Nam Pham interpretierten "Forbidden Colours" von Sakamoto, Laura Hatko, Ulrike Engels, Christopher Healey, Andreas Frantzen, Bernd Woidtke und, na wer? An Nam Pham boten "Louder than Words" aus dem Musical "Tick... Tick... Boom" dar. Mit An Nam Pham verlässt der herausragende Pianist in der Geschichte der Europaschule unser Gymnasium!

 

Und dann gab es die Zeugnisse und die unabweisbare Erkenntnis: Eure zukünftigen Geschichten müsst ihr selbst schreiben - und ihr werdet sie schreiben! Viel Erfolg dabei!

 

Bernd Woidtke