Autoritär, aber nicht spießig
Warum sich Schüler heute allen Ernstes strenge Lehrer wünschen,
die ihnen zeigen, wo es langgeht im Leben
Wolfgang
Bergmann, Jahrgang
1948, ist einer der
profiliertesten
Kindertherapeuten Deutschlands.
Er lebt in Hannover und
veröffentlichte zuletzt in:
Micha Brumlik (Hg.): Vom
Missbrauch der Disziplin. Der
folgende Artikel erschien in der
Zeitschrift 'chrismon. Das
evangelische Magazin', 08.2007;
Quelle: http://www.chrismon.de/1974.php
Noch
so ein Schock, und es reicht für
ein solides Trauma. Ich sitze
einer netten, aufgeweckten
14-Jährigen gegenüber, wir
plaudern über dies und das,
Schulangst und -verweigerung,
Alkohol und Ausgehverbote, wie
das in einer Therapie mit
Jugendlichen eben so ist, und
zuletzt kommt die Rede auf einen
"richtig netten" Lehrer. Was ihr
an dem gefällt, erkundige ich
mich. Sie antwortet: "Der ist
streng."
Ein Schock, wie gesagt. Dazu
muss man wissen, dass ich in
strikt liberal-evangelischem
Denken aufgewachsen bin, den
dritten antiautoritären
Kindergarten mitbegründet habe
(seinerzeit: 1969), dann zwar
von straffälligen Jugendlichen
in einem Berliner Therapieheim
mit den härteren Seiten des
Lebens konfrontiert wurde -
aber trotzdem, mit so etwas
rechne ich als Kindertherapeut
doch nicht. Ein hübscher,
moderner Teenie und dann dies:
"Nett ist der, weil er streng
ist."
Das ist inzwischen zehn Jahre
her. Bei meiner Patientin habe
ich endgültig begriffen, dass
die Zeiten der ewigen
Autoritätsdebatten vorbei sind.
Kids und Teens verstehen unter
Autorität etwas ganz anderes als
wir in unserer Kindheit.
Autoritäten erscheinen nicht
mehr bedrohlich. Man nimmt sie
einfach zur Kenntnis, weicht
ihnen aus oder lässt sie, wenn
sie einem auf die Nerven gehen,
charmant lächelnd auflaufen. Und
hat zugleich Sehnsucht nach
ihnen!
Und damit sind wir bei dem
ersten Punkt, der an unseren
Schulen dringend anders werden
muss. Wir brauchen einen neuen
Lehrertyp: autoritär, aber nicht
spießig. Leicht ist das nicht.
Autorität stützt sich heute
ausschließlich auf die eigene
Person. Man kann auch
Persönlichkeit sagen,
Authentizität oder sonst was -
das ändert nicht viel. Früher
war ein Lehrer oder Erzieher
immer zugleich mehr als nur er
selber. Er war Repräsentant
einer gesellschaftlichen
Ordnung, die vom
Kolonialwarenhändler bis zur
eigenen Familie, vom Pastor bis
zum Gewerkschaftsfunktionär
reichte, unbefragbar. Kinder
wuchsen in einer engen, aber
normativ gestützten Welt auf.
Natürlich brachen sie aus, aber
eben mit schlechtem Gewissen. Da
konnte man sie fix zurückholen.
Alles vorbei. Trotzdem oder
gerade deshalb haben die
Jugendlichen einen ernsthaften
Wunsch nach Autorität. Ich kenne
einen Hauptschulrektor in der
Nähe von Düsseldorf, der
verkörpert sie. Nichts
Besonderes an diesem Mann, schon
rein äußerlich nicht - aber
offenbar ist er ein guter
Pädagoge. Man merkt das sofort.
Bei unserem Rundgang über den
Pausenhof verstummten ringsum
die eifrigen Deals über Handys;
die Rangeleien, die bei
Jugendlichen so unkontrollierbar
ausbrechen können, wurden abrupt
eingestellt; die Augen der
Schüler richteten sich auf ihren
Rektor, auffällig, unauffällig,
offen oder mit versteckten
Seitenblicken. Er wurde gesehen,
war "angesehen". Und er? Er
blickte zurück. Freundlich,
lässig, nicht ohne Selbstironie,
die ihm offenbar ständig zur
Verfügung stand - er machte
buchstäblich Eindruck, wie er da
vergnügt in die Runde schaute,
hier und da jemandem zunickte
und weiterging.
Klar ist, wenn ein Lehrer sich
von jedem großmäuligen Bully auf
dem Schulhof anmachen lässt und
sich nicht zu helfen weiß, dann
hat er schon verloren. Dass die
Rücksichtslosen gewinnen, das
wissen die Kinder selber. Das
lernen sie in jeder
Fußgängerzone. Wenn er bei üblen
Prügeleien zur Seite schaut,
dann ist sein Blick nichts mehr
wert. Wenn er nicht in der Lage
ist, eine rücksichtsvolle
Ordnung auf dem Pausenhof und im
Klassenzimmer zu fordern und
auch herzustellen, dann kann er
gleich den Beruf wechseln, als
Lehrer wird er nur noch
unglücklich.
Aber das reicht nicht: Er muss mit seiner ganzen Person, den Gesten, den Blicken, dem Grinsen und der Zornesfalte deutlich machen: Wo ich bin, herrscht eine bestimmte Ordnung, einfach deshalb, weil ich da bin - Ordnung ist auch Geborgenheit -, aber zugleich soll diese Ordnung von einem vibrierenden Lebenswillen, von der lustvollen Einsicht, dass alles immer wieder auch ganz anders sein kann, erschüttert und durchwoben sein. So etwas schafft ein guter Lehrer. Ein guter Therapeut übrigens auch.
Und wodurch? Durch sein
"Ansehen". Wie bei dem
Düsseldorfer Hauptschulrektor.
Das versetzte ihn in die Lage,
einen Jugendlichen anzuschauen
und ihm dabei deutlich zu machen
(zu be-deuten): Du bist etwas
Besonderes. Und die Blicke der
anderen, der Schüler im
Klassenraum oder auf dem Hof,
folgen diesem Einverständnis
zwischen den beiden.
Worte sind wichtig, werden aber
in unserer Pädagogik
überschätzt, wichtiger ist der
Klang der Stimme, die Bewegungen
des Körpers, die kleine Geste -
und am allerwichtigsten ist der
Blick. Jean-Paul Sartre hat
teils schwer verständliche und
teils ungemein kluge Sätze über
das Anschauen und
Angeschaut-Werden geschrieben,
sogar ein Theaterstück
("Geschlossene Gesellschaft"),
das mit den Worten endet: "Die
Hölle, das sind die anderen." Er
schreibt von einer Welt, in der
es keine Türen und keine Spiegel
gibt. Die Eingeschlossenen
können nicht heraus und - das
Schlimmste - sie können sich
selber nicht anschauen. Sie sind
Menschen ohne Selbstbild, darum
sind sie ganz verloren. Sie
forschen nach sich selber im
Blick der anderen. Wie sie
angeschaut werden, so sind sie.
Das macht sie misstrauisch,
überall lauert die Lüge, die
Verführung, die Täuschung und
Selbsttäuschung.
Unseren Kindern und Jugendlichen
geht es ganz ähnlich. Sie haben
so wenig Verlässlichkeit in sich
und um sich herum. Keiner weiß
so richtig, wo es langgeht, auch
Papa und Mama nicht, und die
meisten Lehrer erst recht nicht.
Wo Nachbarschaft und sogar
Freundschaften wenig gelten, da
schließen sich die Selbstbilder
vor allem der Jugendlichen an
Medienbilder an, die per
Satellit und Internet in
fortlaufenden Transformationen
um den Erdball kreisen -
Glücksversprechungen enthalten
sie und einen extremen
Perfektionsanspruch. So schön,
so clever, so erfolgreich, so
fix! Wo solche Medienbilder den
sozialen Alltag durchdringen, da
bleibt das kindlich-jugendliche
Selbst hoffnungslos zurück. In
diesem Sozialen kann es sich
nicht spiegeln, in ihm kann es
sich nicht realistisch zur
Geltung bringen, es macht kaum
noch Sinn, an sich zu arbeiten
und zu reifen - die Jugendlichen
starren auf diese Perfektionen
und sinken zurück in
Resignation.
Dem muss ein Lehrer heute
standhalten. Gelingt ihm das
nicht, dann wissen die
allermeisten Schüler auch nicht
mehr, warum sie lernen sollen.
Ein guter Lehrer muss dem
lustlos-nervösen Kind Hoffnung
auf sich selber geben. Er muss
den hampelnden Bildern und
Zeichen auf den Handys, den
Onlinekontakten im Computerspiel
und den Glücksversprechungen des
Fernsehens, das ewig einen neuen
Superstar sucht und nie einen
hervorbringt, die Besonderheit
jedes Einzelnen entgegenhalten.
Dafür benötigt er Klarheit und
Eindeutigkeit, Autorität eben.
Pädagogische "Einfühlung" hilft
den Schülern gar nicht. Sie
wollen jemanden, an dem sie
nicht vorbeikönnen. Der in
diesem Bildertaumel stabil
bleibt. Auf den richten sie ihre
Aufmerksamkeit.
Ein guter Lehrer schafft einen
Raum mit Hoffnungen,
Aufmerksamkeiten und einer
erwachenden Selbsterwartung,
aber dann muss noch mehr kommen.
Beziehungen und Bindungen - so
wertvoll und neuartig sie für
viele Kids sind - sind flüchtig,
sie schwinden schnell. Das
halten die unsicheren Kinder
nicht gut aus. Sie benötigen
etwas Dauerhaftes, Objektives.
Das man anderen zeigen und an
dem man sich selber festhalten
kann. Wie geht das? Solange
Schule eine staatliche
Institution mit dicken Mauern
und verschlossenen Türen und
Fenstern ist (die nur nach
ausdrücklicher Erlaubnis durch
die Lehrkraft geöffnet werden
dürfen), s0 lange hat man nichts
anderes im Sinn als: Ich will
hier raus! Das Dilemma der
Schule ist ihre ängstliche
Spießigkeit, mit Moral garniert.
Also, Türen und Fenster auf.
Konkret: Holt interessante
Menschen in die Schulen!
Interessant sind beispielsweise
Handwerker. Wenn die mit einem
"hyperaktiven" Zwölfjährigen
losziehen, Stühle reparieren
oder Pausenbänke zimmern, wenn
solch ein Meister unbekümmert
klarmacht: "Hier kommt der Nagel
hin, nicht da, was machst du
denn?", dann richtet sich die
Aufmerksamkeit des Jungen auf.
Er, der keiner Anordnung folgen
mag und überhaupt nie hinhört,
schwitzt vor Eifer.
Künstler, Musiker oder
meinetwegen Balletttänzer, noch
lieber sind mir die Bildhauer,
die aus Holz und Stein mit
Jugendlichen etwas formen: eine
Gestalt, die sie selber
hervorgebracht haben und die
insofern Teil ihres Ichs ist.
Ihre Kraft und Mühe sind den
Blicken der anderen, der ganzen
Schule vorangestellt. Sie
verdanken es keiner
Medienanweisung, sondern ihrer
Intelligenz, ihren Tagträumen,
ihrer Geschicklichkeit. In solch
einer Schule wären auch die
modernen Kinder ein bisschen
mehr zu Hause.
