Letter from Batley

Juni 08 

 

TV-Bericht der Batley Grammar School zum Download

 

Klein aber fein ist das Grüppchen von Schülerinnen des Gymnasums Kerpen, das sich am 16. Juni um 5 Uhr morgens (!) am Flughafen Köln/Bonn einfindet, um gemeinsam nach Manchester zu fliegen, wo uns nach einer kleinen Verwechslung (beinahe wären wir einem falschen Mr. Dawson ins Netz gegangen!) Mr. Graham Dawson, der Organisator unseres England-Austausches, mit dem schulischen Minibus nach Batley abholt.

 

Wir werden sehr herzlich empfangen: trotzdem ist allen eine gewisse Beklommenheit anzumerken, als sie dann zum ersten Mal ihren Austauschpartnern gegenüberstehen. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Gastfamilien ist dann gleich die Teilnahme am Nachmittagsunterricht angesagt, wobei jeder den Unterricht seines englischen Austauschpartners besucht.

 

Staunend und ein wenig andächtig tauchen wir in die Atmosphäre dieser altehrwürdigen Privatschule ein, die seit ca. 400 Jahren existiert und schon Nobelpreisträger hervorgebracht hat, wie den Entdecker des Sauerstoffs, Joseph Priestley, nach dem die Junior School benannt ist.

 

Besuch in York; klick auf das Bild, dann wird es groß!

 

Das Gebäude wirkt zwar ein wenig grau und einschüchternd, innen jedoch herrscht munteres Treiben. Wir sehen viele Jungen und Mädchen in grau-schwarzen Uniformen mit Krawatten eifrig durch die Gänge strömen, was sich daraus erklärt, dass die Kinder nach fast jeder Stunde ihre Räume wechseln, um zu ihren nächsten Lehrern zu gehen, die in der Regel ihre festen Räume haben.

 

Sobald jedoch eine Stunde begonnen hat, herrscht Disziplin: man schweigt (meistens), steht auf vor dem Lehrer, der einem manchmal noch einen dezenten Hinweis auf eine schlecht sitzende Krawatte oder ein heraushängendes Hemd gibt, und holt seine “planners” hervor. In diese Kladden kann der Lehrer während der Stunde Bemerkungen über Leistung und Verhalten eines Schülers eintragen oder gute Antworten mit einem das jeweilige Fach kennzeichnenden Stempel quittieren.

 

Von den hier herrschenden Klassenstärken können wir nur träumen! Jede Klasse besteht aus durchschnittlich 15 – 20 Schülern (in der Oberstufe können es schon mal nur 2 sein!), darunter auffällig vielen Asiaten, bei denen eine Privatschulbildung offensichtlich als die Aufstiegschance angesehen wird.

 

Auch die Ausstattung der Räume lässt kaum Wünsche offen: statt schwarzer Tafeln verfügt fast jeder Klassenraum über (z.T. interaktive) Whiteboards, Beamer (hier “projectors” genannt), z.T. Fernseher mit DVD/Video-Kombis und eine kleine Handbibliothek von Schulbüchern in Klassenstärke. Auch Computer werden viel benutzt: schon die Kleineren (z.B. year 8/Klasse 7) arbeiten in einem der Computerräume recht versiert mit dem “Windows Publisher”-Programm, um aus der Nachricht über einen Vulkanausbruch eine spannende Zeitungs-Story zu gestalten.

 

Wenn man über diese Ausstattung staunt, muss man allerdings bedenken, dass es sich bei dieser Schule – im Gegensatz zu den in England vorherrschenden Gesamtschulen (Comprehensive Schools)  - um eine private Grammar School handelt, getragen allein von den “Governors” (ca. privaten Schulträgern) und den Eltern der Schüler, die für den Schulbesuch ihres Sprösslings ein saftiges Schulgeld zahlen müssen (8.307 Pfund im Jahr, zuzüglich Essensgeld von 354 Pfund und Kosten für die Schuluniform)! Ausserdem praktiziert die Schule bewusste Auslese: jeder Schüler  muss nach dem 6. Schuljahr zum Eintritt in die Senior School den “11+-Test” machen, eine Aufnahmeprüfung in Englisch, Mathe. und sprachlichem Ausdrucksvermögen, und als Voraussetzung für den Besuch der Oberstufe (Sixth Form) ist ein bestimmter Notendurchschnitt, bzw. eine bestimmte Zahl guter bis sehr gutter Noten erforderlich.

 

Manches ist ein wenig anders als bei uns. So muss sich beispielsweise jeder morgens in einem neben dem Sekretariat liegenden Buch registrieren: Oberstüfler müssen bei Zuspätkommen oder Abwesenheit einen “sensible reason”=vernünftigen Grund eintragen!

Da die Kinder in England schon mit 5 Jahren schulpflichtig warden, ist auch die Einteilung in Schulstufen etwas anders. Wir hatten nur mit Schülern der so genannten “Senior School” zu tun, wobei “Key Stage 3” (= year 7-9) etwa unserer 6.-8. Klasse entspricht und “Key Stage 4” (=year 10 + 11) etwa unserer 9. und 10. Klasse. In der so genannten “Sixth Form” (Oberstufe, year 12 + 13) belegen die Schüler dann nur noch 3 oder 4 Pflichtfächer neben einer Vielzahl möglicher Wahlfächer.

 

Ausserdem gibt es z.T. anders geartete Fächer wie PSE (=Personal and Social Education), Religious Studies (überkonfessionellen Religionsunterricht), die Aufteilung von Geschichte in History und Classical Civilisation, ferner Business Studies, Design and Technology und sogar Food Technology, ganz zu schweigen von vielen “extracurricular activities”. Was dabei leider etwas zu kurz kommt, sind die Fremdsprachen: Latein wird gar nicht mehr gelehrt und die modernen Fremdsprachen Deutsch und Französisch kann man neuerdings fast ganz durch die Wahl anderer Fächer ersetzen! Umso mehr freuen wir uns, dass noch einige englische Schüler unserer Sprache und Kultur die Treue halten!

 

Ein paar für uns ungewohnte Besonderheiten sind sicher noch erwähnenswert.

 

So ist es beispielsweise für unsere Augen schon ein wenig gewöhnungsbedürftig, an manchen Tagen lauter militärisch gekleidete Schüler und Lehrer durch die Gänge laufen zu sehen. Hierbei handelt es sich um Teilnehmer an der “Combined Cadet Force”, einer ausserschulischen Aktivität  mit langer Tradition: Hier wie an vielen anderen Schulen gibt es die von der Armee geförderte Einrichtung, bei der die Jugendlichen in ausgedehnten Tages- und Nachtmärschen, Trainingscamps etc. bestimmte Fertigkeiten erwerben, vor allem aber bestimmte Tugenden wie Ausdauer, Selbstdisziplin und Teamwork erlernen sollen. Die Anforderungen sind nach Leistung gestaffelt und werden nach dem “Duke of Edinburgh Award”-System gewürdigt – d.h. den Besten winkt dann ein Besuch im Buckingham Palace, ein Händedruck von Prinz Philipp und vielleicht sogar ein Stipendium! Auf jeden Fall erweist sich eine Mitgliedschaft im C.C.F. später als karriereförderlich.

 

Eine andere Besonderheit ist die allmorgendliche “Assembly”. Sie dauert etwa 20 Minuten und ist an ca. zwei Wochentagen religiös ausgerichtet (wobei Christen und Moslems getrennte Veranstaltungen besuchen) und ansonsten “weltlicher” Natur. Der Grundgedanke ist aber der einer gewissen ethischen Orientierung und Charakterbildung.  So konnte ich beispielsweise erleben, wie verschiedene gerade anlaufende Fantasy-Filme in Ausschnitten gezeigt und auf ihre darin enthaltenen Heldenbilder kritisch abgeklopft wurden.

 

Unser Mr. Dawson hat jeden Dienstagmorgen eine wichtige Funktion. Dann ist so genannter “Stamping Day”, wobei die in den “planners” enthaltenen Stempel gewürdigt werden – die Schüler erhalten “credits” (Punkte) dafür und am Jahresende entsprechende Urkunden in Bronze, Silber und Gold!

 

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Mr. Dawson auch ein ausgeklügeltes ausserschulisches Programm für uns zusammengestellt hat. Da die Stadt Batley mit Reizen etwas geizt (viele leer stehende Tuchwebereien bereichern nicht gerade das Stadtbild!), machten wir Ausflüge z.B. in die “Yorkshire Dales”, wo wir eine Tropfsteinhöhle besuchten, und in die wunderschöne Stadt York, wo wir uns auf den Spuren der Römer und Wikinger bewegten.

 

Zur Zeit laufen die GCSE-Prüfungen unserer englischen Austauschpartner, deshalb sind für uns extra Projekte in verschiedenen Fächern arrangiert, bei denen uns von Knallgas-Experimenten über sehr lebensnahe Darbietungen zur Geschichte Batleys zur Zeit der Industrialisierung bis hin zu bühnenreifen Vorführungen und Stegreif-Dialogen im Yorkshire-Dialekt alles Erdenkliche geboten wird! Sogar an unserem Abreisetag werden wir noch mit einem Ausflug nach Bradford (Photographiemuseum) verwöhnt.

Wir danken Herrn Dawson für die perfekte Organisation!

 

PS: Bemerkenswert ist es, dass auch an einer solchen Traditionsschule, die erst seit 1996 koedukativ ist, der in den Ruhestand eintretende Direktor, Mr. Battye,  demnächst von einer Direktorin, Mrs. Brigid Tullie, abgelöst wird! PPS: Wir hoffen, dass die Batley-Website bald noch bereichert wird durch Fotos und Eindrücke von mitreisenden Austauschschülerinnen!

 

Maria Reinholz