ALLE RÄDER STEHEN STILL, WENN DEIN STARKER ARM ES WILL

Rede von Mark Bergfeld zum Europatag 2006

 8. Mai 2006

 

Am 17. Februar diesen Jahres jährte sich der Todestag Heinrich Heines zum 150. Mal. Womöglich fragt Ihr Euch, was dieser Lyriker mit dem hiesigen Europatag 2006 in Bergheim zu tun hat.

 

Heines Aufforderung an die Arbeiter zur Zeit der Märzrevolution im Jahre 1848 könnte heute zu einem Wegweiser für uns in einem europäischen Deutschland werden – egal ob jung oder alt, arm oder reich, schwarz oder weiß.

 

Diese revolutionären Worte motivieren mich die unmittelbare Presse- und Redefreiheit, die in der Märzrevolution erkämpft worden ist, auszuüben.

 

In Umbruchszeiten wie diesen, in der Politiker von einer europäischen Krise sprechen, sich das Gefühl von Demokratieverlust und Identitätsunsicherheit im Volk manifestiert, können wir uns auf einen Europäer wie Heine und ein Ereignis wie die Märzrevolution zurückbesinnen.

 

Wie bereits erwähnt, sprechen Politiker seit dem französischen und niederländischen Nein zum Verfassungsvertrag von einer europäischen Krise, wobei Heines Worte wie eine erfüllte Prophezeiung auf mich wirken. Zwar stehen die Räder still, doch in dieser Zeit des Stillstands können wir uns in die Debatte einbringen – mit unserer Kreativität und mit unserem Fleiß, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.

 

„Denn du, mein Volk“, schrieb Heine, „bist der wahre Kaiser, der wahre Herr der Lande – dein Wille ist souverän…dein Wille, mein Volk, ist die alleinige rechtmäßige Quelle aller Macht. Eine neue Zeit beginnt – mein Kaiser, die Macht ist vorüber, und draußen glüht das Morgenrot!“

 

Der Mythos, dass die öffentliche Meinung sich im Einklang mit den Eliten befinde, ist zusammengebrochen. Unser aller Arme sind stärker als je zuvor. Dies ermöglicht uns nachhaltige Werte hochzuhalten, die für ein friedliches Europa eine  Notwendigkeit darstellen.

 

An die Stelle von Konkurrenz und Wettbewerb als gemeinschaftsstrukturierenden Normen müssen Solidarität und Kooperation treten, sowie die dazu ergänzenden Werte, die Heine hochhielt. Humanität, Menschenverbrüderung, Weltbürgertum und „die Freiheit, die wir Gleichheit nennen“, schrieb Heine. Diese muss als Seele des Gesellschaftslebens von uns erkannt und umgesetzt werden.

 

Insbesondere der deutsche Staatsbürger leidet unter Identitätsunsicherheit. Ganz im Gegenteil bewies Heine, dass kein „entweder/oder“ herrschen muss, sondern dass nationale und europäische Identität Arm in Arm gehen können, auch wenn die Räder still stehen.

 

Für Heines Sehnsucht nach Heimat und seine Hoffnung auf ein besseres, freies Europa wurde er während der zwölf Jahre NS-Diktatur zum Hassobjekt erkoren.

 

Heine schrieb: „Der Patriotismus des Deutschen besteht darin, dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr der Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will.“

 

Ist es also möglich Deutscher und Europäer zugleich im Jahre 2006 zu sein? Was sind denn nationale Phänomene, mit denen wir uns identifizieren können?

 

„Der Nazismus stellt den Zusammenbruch aller deutschen und europäischen Traditionen dar, der guten wie der schlechten. Also war es nicht irgendeine deutsche Tradition als solche, die den Nazismus herbeigeführt hat, sondern die Verletzung aller Traditionen“, sagte die Schriftstellerin Hannah Arendt.

 

Vor der Wiedervereinigung hieß unser Land kühl und unheroisch „die Bundesrepublik“.

„Ich liebe meine Frau und mein Auto, nicht dieses Land“, äußerte der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann.

Heute, am 9. Mai 2006, benutzen wir das Wort Deutschland wieder. Mit der WM im eigenen Land, der besten Nationalelf aller Zeiten und der „Du bist Deutschland- Kampagne“ wirken wir einem Europa in der Krise entgegen.

 

Lächelnde B-Promis mit dem Pathos der guten Hoffnung bereiten uns auf bestimmte politische Schritte vor und ersetzen: Goethe und Schiller, Beethoven und Kant, Heine, die Märzrevolution, die Demokratie.

 

Es sind andere Dinge, die einen mit der Heimat verbinden als die Fahne, die über dem Reichstag hängt oder das Nationaltrikot von Michael Mäckes Ballack.

 

Wenn ein europäisches Deutschland wirklich etwas Neuartiges sein will, eine Idee, hinter der alle europäischen Völker stehen, dann muss die Demokratie unser Fokalpunkt sein.

 

Mark Bergfeld

Abitur 2006