Zwei SoWi-Leistungskurse in Berlin

Mai 08

 

Einige Fotos von den Besuchen im Reichstag

 

Die Idee kam von ihnen selbst: "Als Sozialwissenschafts-Leistungskurse müssen wir ja eigentlich mal nach Berlin fahren, nicht wahr, Frau Lentzen, Herr Woidtke?" Dieser Suggestivfrage konnten wir uns nicht entziehen. Berlin, seit dem Umzug der Bundesregierung 1999 zur realen Hauptstadt geworden, zeigte sich von seiner schönsten Seite. Das sensationelle Wetter trug dazu bei, dass die Exkursion ein überwältigender Erfolg wurde.

 

Am Freitag hatte uns die Rhein-Erft-Kreis-Bundestagsabgeordnete Gabriele Frechen (SPD) zu einem Gespräch in den Reichstag eingeladen. Sie nahm sich viel Zeit für die 35-köpfige Gruppe, erzählte von ihrer Arbeit, zeigte dabei, mit welchem Enthusiasmus sie zur Sache geht. Eine 60-70-Stunden-Woche ist keine Seltenheit, aber wenn man Ziel hat, steckt man so etwas locker weg. Die SoWi-Schüler stellten clevere Fragen, z.B. nach ihrer Haltung zur Linkspartei. Hier zeigte sich Gabi Frechen von ihrer menschlichen Seite: Sie könne sich eine Koalition oder Zusammenarbeit nur sehr schwer vorstellen, sagte sie. Zu tief gingen die Verletzungen durch viele ehemalige SPD-Genossen, insbesondere Oskar Lafontaine. "Aber wenn der Wählerwille uns eine Koalition aufzwingt..." - Sie ist Vollblutpolitikerin, ohne Zweifel. Wer denn das Zeug zum Kanzlerkandidaten der SPD hätte, wurde sie natürlich gefragt. Sie äußerte sich erfreut darüber, dass ihrer Ansicht nach einige SPD-Leute in Frage kämen, z.B. Vizekanzler Steinmeier, den sie offensichtlich sehr schätzte. Ob sie ihn auch wünsche als Kandidat? Da hielt sie sich mit einem Lächeln zurück... Die leicht vorwurfsvolle Frage, warum denn immer nur so wenige Abgeordnete bei Plenarsitzungen im Bundestag zu sehen seien, konterte sie geschickt: "Wenn ich jetzt da unten säße, könnte ich nicht mit euch reden!" Aber sie stellte überzeugend dar, welche Aufgaben die Abgeordneten in den Sitzungswochen zu erledigen haben, so dass klar ist, dass man nicht immer im Plenum durch Anwesenheit glänzen kann.

 

Gabriele Frechen im Fraktionssaal der SPD mit den LK-SchülerInnen

 

Am Samstag besichtigten wir den Plenarsaal und hörten einen launigen Vortrag eines Bundestags-Mitarbeiters. Er erklärte, warum der Sessel des Innenministers Schäuble weniger verschlissen ist als alle anderen Sitzgelegenheiten, warum die "Hinterbänkler" keine Tische mehr haben, wo die Abgeordnetenbüros liegen, wie der "Hammelsprung" funktioniert, wo die Fraktionen sitzen, wie viele Silben die Parlamentsstenografen schreiben können (doppelt so viele wie man bei normalem Tempo aussprechen kann!), wo der Bundespräsident sitzt, wenn er eine Parlamentssitzung besucht und sehr viel mehr. Wir kamen aus dem Reichstag heraus und fühlten uns wie Parlamentsprofis. Jeder von uns wird bei den nächsten Fernsehbildern aus dem Reichstag ganz genau wissen: Hier haben wir gesessen, da unten ist das Rednerpult, da oben stehen die ARD-Kameras usw.

 

Natürlich haben wir Berlin nicht verlassen, ohne einige der wesentlichen Attraktionen gesehen zu haben: Das Brandenburger Tor natürlich, das vor allem nachts bei strahlender Beleuchtung seine Pracht entfaltet, das Bundeskanzleramt, über dessen architektonische Ästhetik man geteilter Meinung war, die Museumsinsel, wo es einigen ganz cleveren Jungs gelungen war, das weltberühmte Pergamon-Museum umsonst zu besichtigen, die Prachtstraße 'Unter den Linden' mit Staatsoper, Russischer Botschaft, Berliner Dom und der eindrucksvollen Alten Wache.

 

Bei der mühsamen Busrückreise am Sonntag war allen Beteiligten klar: Diese Reise hat sich mehr als gelohnt - wir kommen wieder!

 

Bernd Woidtke