„Ihr selbst seid verantwortlich!“
DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
Die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung hat Empfehlungen zum Schulsystem vorgelegt. Ein Interview mit Sybille Volkholz
die zeit: Nach vier Jahren Arbeit hat die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung Empfehlungen vorgelegt, wie sich das deutsche Schulsystem verändern soll. Was ist der gemeinsame Nenner von 200 Seiten Reformvorschlägen?
Sybille Volkholz: Mit einem Wort: Verantwortung. Wir glauben, dass im deutschen Schulwesen auch deshalb vieles im Argen liegt, weil die Schule für Bildungsergebnisse ihrer Schüler und Schülerinnen nicht verantwortlich ist. Der schulische Erfolg oder Misserfolg wird selten als das Ergebnis der eigenen Anstrengung gesehen, sowohl von Lehrern, als auch von Eltern und Schülern. Stattdessen gibt es eine große Bereitschaft, die Schuld für das Misslingen stets auf den anderen, am liebsten auf den Staat, zu schieben.
zeit: Wie erklären Sie sich diese Haltung?
Volkholz: Mit der deutschen Fixierung, in allen Bildungsfragen auf den Staat zu setzen. Im Grundgesetz heißt es: Die Schulen unterliegen der Aufsicht des Staates. Daraus folgt nach der herkömmlichen Interpretation, dass fast die gesamte Gestaltungs- und Organisationshoheit beim Staat liegt. Das zieht eine Entmündigung der eigentlich Beteiligten nach sich…
zeit: …und macht es gleichzeitig leicht, Ausreden zu finden für das eigene Versagen.
Volkholz: Richtig. Für die Lehrer sind die Klassen zu groß und die Schüler in dieser Schule falsch, Eltern und Schüler schimpfen auf die unfähigen Lehrer und alle zusammen auf die Bildungspolitik. Wir wollen den Staat nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Aber Bildung ist eben ein höchst persönlicher Prozess von Aneignung von Welt, der durch Lehrer und Eltern unterstützt werden muss. Bei uns jedoch herrscht die Meinung vor: Wir – Schüler, Eltern, Lehrer – haben wenig Einfluss. Das ist die beste Voraussetzung, dass Bildungsprozesse scheitern.
zeit: Inwiefern?
Volkholz: Weil es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Erfolg von Schule und der Überzeugung, für den Erfolg zuständig zu sein. Wenn ich als Lehrer nicht überzeugt bin, dass meine Arbeit für die Schülerleistung eine große Bedeutung hat, dann werde ich auch nicht viel bewirken. Die neueren Vergleichsuntersuchungen machen dies deutlich.
zeit: Können Sie ein Beispiel nennen?
Volkholz: Die Grundschulstudie Iglu hat unter anderem danach gefragt, wie viele Schulen sich für Erfolg und Misserfolg der Schüler verantwortlich fühlen. Dabei kam heraus, dass die Schulen sich zwar den Erfolg zuschreiben. Beim Schulversagen aber lag die Quote nicht einmal bei zehn Prozent. Am wenigsten übrigens wollten Lehrer in Bremen für die Lernerfolge verantwortlich gemacht werden – in dem Bundesland also, das bei den Tests am schlechtesten abschnitt.
zeit: Ist das Verantwortungsgefühl in anderen Ländern höher?
Volkholz: Ich glaube schon. Die Wertschätzung, die Lehrer in Skandinavien genießen, rührt daher, dass man dort weiß, dass die Schulen Rechenschaft ablegen, mit welchen Leistungen sie ihre Jugendlichen entlassen, und dafür auch geradestehen. Gleiches gilt für den Kindergarten. Eine Kita-Leiterin sagte mir: Wir fühlen uns verantwortlich dafür, dass das Kind Schwedisch kann, wenn es in die Grundschule kommt. Und von einer Schülerin hörte ich: Ich weiß, was ich bis zum Ende des Schuljahres können möchte, und meine Lehrer unterstützen mich dabei.
zeit: Was schlagen Sie konkret vor, um ein solches Selbstverständnis auch bei uns zu verankern?
Volkholz: Ein Instrument sind Bildungsverträge. Die Schüler verpflichten sich darin, am Schulleben teilzuhaben, selbstständig zu lernen, sich am Unterricht zu beteiligen. Im Gegenzug verspricht die Schule, bestimmte Förderprogramme anzubieten; im besten Falle gibt sie am Ende die Zusage, dass das Kind einen bestimmten Abschluss erreicht, wenn Eltern und Schüler ihre Verpflichtungen einhalten. Es gibt bereits deutsche Schulen, die solche Vereinbarungen schließen. Viel zu häufig hört man in Lehrerzimmern jedoch: Der Schüler ist hier falsch, oder: Von dem brauchst du nichts mehr zu erwarten.
zeit: Und die Eltern?
Volkholz: Die Eltern müssen als Erziehungspartner mit einbezogen werden, denn auch sie sind Teil des deutschen Problems. Einerseits beklagen sich Eltern, dass sie sich nicht ausreichend über die Schule ihrer Kinder informiert fühlen. Andererseits beschweren sich Lehrer, dass Eltern ihre Kinder nur in der Schule abliefern, ohne sich für die Schule zu interessieren.
zeit: Sehen Sie Ihre Empfehlungen auch als eine Aufforderung an die eigene Partei, die Grünen?
Volkholz: Gewiss. Auch die Grünen haben Bildungsfragen überideologisiert, anstatt pragmatische Lösungen zu suchen.
zeit: Ums Bildungsressort prügelt sich die Partei, wo sie an die Regierung kommt, auch nicht.
Volkholz: Das ist für Grüne kein leichtes Ressort, das kann ich Ihnen als ehemalige Berliner Bildungssenatorin sagen. Man macht sich nicht beliebt, wenn man Lehrern sagt: Ihr selbst seid verantwortlich für das Scheitern eurer Schüler.
Sybille Volkholz ist Koordinatorin der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung. Der Text der Empfehlungen findet sich unter www.boell.de/bildungskommission. Die Fragen stellte Martin Spiewak
