Gespräch mit Birand Bingül

20.3.07

 

Fotos der Veranstaltung

 

Birand Bingül hat Glück gehabt. Sagt er selbst. Als Sohn eines Arztes, der 1968 nach Deutschland kam, wurde er vor 32 Jahren in Wickede an der Ruhr geboren. Er hätte auch Pech haben können, nämlich in einer türkischen Arbeiterfamilie aufgewachsen zu sein. Dann wäre er jetzt wahrscheinlich nicht das, was er ist: Birand Bingül arbeitet als Redakteur beim WDR in Köln für das einzige integrationspolitische Fernsehmagazin in Deutschland, »Cosmo TV«. Er ist der erste türkischstämmige Kommentator der »Tagesthemen«. In der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte er einen Artikel mit dem Titel:

 

"Deutschtürken, kämpft selbst für eure Integration! Wir müssen unsere Interessen als Bürger dieses Landes wahrnehmen. Die Chancen stehen besser denn je."

 

 

Birand Bingül im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern aus 10 und 11

 

Was wisst ihr von der Türkei? fragte er. Und antwortete selbst schnell: Döner - damit wir das schon mal abhaken können. Gelächter. Dann kamen ein paar Infos von Schülern, aber man musste schnell einsehen: Viel ist das nicht, was wir von der Türkei wissen. Warum aber sollten wir? Naja, sagte Jemand, die Türkei möchte Mitglied der EU werden, viele Deutsche lehnen das ab. Sind das womöglich dieselben, die wenig bis gar nichts über die Türkei wissen? Wäre das fair?

 

Auf die württembergischen Einbürgerungstests angesprochen, sagte Bingül: Ich lehne sie nicht prinzipiell ab, jedes Land hat das Recht sich seine Leute auszuwählen. Dieser konkrete Test enthält aber einige unsinnige Fragen, z.B., 'Nennen Sie drei deutsche Gebirge!' oder auch Fragen, die unverblümt Moslems aussieben sollen. Da könnte man ja gleich fragen: 'Sind Sie Terrorist?'

 

Herr Bingül befürwortet ein Kommunalwahlrecht für Nicht-EU-Ausländer: Es gibt Städte, so sein Argument, da sind in manchen Stadtteilen mehr als die Hälfte der Menschen Ausländer. Kann der nur von Deutschen gewählte Bürgermeister mit Recht behaupten, er sei demokratisch gewählt, wenn wesentliche Gruppen ihn gar nicht wählen durften? Steuerzahler dazu auch noch?

 

Die Einschaltquoten im TV beziehen die 2 Millionen Türken in Deutschland gar nicht mit ein, warum nicht?

 

Dass er nicht das Lied vom armen geschundenen Ausländer singen wollte, betonte Bingül besonders. Er fordert auch unbequemes Verhalten von den Deutschtürken. In seinem Artikel schreibt er: "Kämpft, Deutschtürken! Kämpft selbst für bessere Integration – nicht um den Deutschen zu gefallen, sondern zu eurem eigenen Wohl. ... Runter von der Straße! Raus aus den Teestuben! Ran an die Schulen! Zum Wohl der Kinder. Die Deutschtürken müssen mit ihrem Engagement die Schulen und ihren Nachwuchs regelrecht belagern. Deutschtürken für Deutschtürken, zum Beispiel durch freiwillige Nachhilfe. Das Bündnis unterstützt jedes Elternpaar, das für die Bildungschancen seiner Kinder kämpft. Passivität wird geächtet."

 

Ich als Lehrer erlebe es eher selten, dass sich Schüler bei mir am Ende der Stunde für den Unterricht bedanken (was ich auch völlig in Ordnung finde!). Hier aber war das so: Mehrere Schüler kamen nach einem ohnehin starken Applaus - ungefragt, unaufgefordert, aus eigenem Antrieb! - zu Herrn Bingül und bedankten sich für spannende, lehrreiche, unterhaltsame und anregende 90 Minuten. Glück gehabt, kann man da nur sagen - diesmal aber wir!

 

Bernd Woidtke