Auf „Staatsbesuch“ im Reich der Mitte

Bericht einer außergewöhnlichen Reise nach China

von Hartmut v. Boetticher

Oktober 2007

 

Die Fotos

 

Vielleicht klingt der Titel ein wenig reißerisch, aber er soll ja auch die Aufmerksamkeit wecken und ganz falsch ist er auch nicht. Denn ich hatte das Glück, Mitte Oktober als Mitglied einer 100köpfigen Delegation aus den Bereichen Schule und Hochschule an einer  neuntägigen Reise nach China teilzunehmen. Grundlage dieser Reise bildete eine Einladung, die der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao bei seinem Staatsbesuch in Deutschland 2006 gegenüber Bundekanzlerin Angela Merkel an 400 junge Deutsche ausgesprochen hatte. Nach der ersten 100er-Gruppe aus dem Bereich „Jugendverbände“ reiste nun also die zweite Gruppe, Bereich „Bildung“, bestehend aus 100 von den jeweiligen Kultusministerien der Bundesländer ausgewählten Delegierten, darunter Vertreter aus den Kultusministerien, Schulleiter, Lehrer, Referendare und Schüler aus (fast) ganz Deutschland. Ich hatte mich kurz vor den Sommerferien auf eine Ausschreibung hin, die an unsere Schule gegangen war, beworben und war nun tatsächlich Teilnehmer dieser sehr interessanten Delegationsreise, bei der von Seiten der Teilnehmer lediglich der Flug zu bezahlen war.

 

 

Entsprechend der Einfädelung auf höchster Ebene, wurde diesem Besuch auf chinesischer Seite große Bedeutung zugemessen, und so bekamen alle Teilnehmer bereits im Vorfeld genaue Anweisungen hinsichtlich der angemessenen Kleidung zu bestimmten Terminen, dem allgemeinen Verhalten sowie den mitzubringenden Gastgeschenken. Dafür konnten wir allerdings auch Erlebnisse mit nach Hause nehmen, die einem normalen Touristen so nicht möglich sind, denn tatsächlich ließ man uns immer wieder merken, dass wir als hochoffizielle Gäste im Land waren. Sei es die eigens angerückte Blaskapelle am Shanghaier Fernsehturm, die rot-weißen Begrüßungsbanner für die „100 jungen Deutschen“ (das tut in meinem Alter gut) in den jeweiligen Hotels und am Flughafen Xining oder die über zehn Fahrzeuge umfassende Fahrzeugkolonne inklusive Polizeieskorte, mit der wir durchs tibetische Hochland rauschten – man kam sich doch zeitweise sehr wichtig vor. Die Krönung dieser Behandlung bildeten allerdings die drei abendlichen Bankette zu unseren Ehren, jeweils mit hochrangigen Vertretern des allchinesischen Jugendverbandes sowie der Provinzregierungen, und der Empfang durch den deutschen Botschafter in Peking am letzten Tag.

 

Die drei ausgewählten Reiseziele konnten unterschiedlicher nicht sein: zunächst die moderne Wirtschaftsmetropole Shanghai, dann Xining in Zentralchina am Rande des tibetischen Hochlandes und schließlich die Hauptstadt Peking.

 

Vom Fernsehturm in Shanghai hat man einen grandiosen Blick über diese Megastadt, deren Skyline sich nicht mehr unterscheidet von amerikanischen Großstädten, und man kann gut beobachten, wie an allen Ecken und Enden neue Wolkenkratzer in rasanter Geschwindigkeit aus dem Boden wachsen. Den vorläufigen Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes) bildet dabei ein über 500 Meter hoher Gigant, der demnächst fertiggestellt sein wird und schon jetzt den Fernsehturm deutlich überragt. Das alte Shanghai ist fast nur noch an der Uferpromenade des Jangtse, dem Bund, zu erkennen. Interessant war hier aber auch der offizielle Teil mit den Besuchen einer Mittelschule und der Sporthochschule Shanghai. Die Mittelschule ist eine Experimentalschule, die mehr Schüler als das Gymnasium in Kerpen hat, allerdings im Alter von drei bis 20 Jahren. Bestaunen konnten wir hier die exzellente Ausstattung, z.B. mit Sportanlagen und Computern, allerdings immer in dem Bewusstsein, dass dies sicherlich nicht den chinesischen Durchschnitt widerspiegelt.

 

Zum krönenden Abschluss unseres Aufenthaltes in Shanghai schwebten wir mit Tempo 431 km/h im Transrapid zum Flughafen, ein beeindruckendes Erlebnis, auch wenn es eigenartig erscheint, dass man um die halbe Welt reisen muss, um deutsche Spitzentechnologie zu erleben.   

 

 

Einen Kontrast, wie er deutlicher kaum sein kann und wie er typisch für das China von heute ist, bildete die nächste Station, Xining, die Hauptstadt der Provinz Qinghai, eine Stadt, die von der Einwohnerzahl her in Deutschland an Nummer 3 stände, außerhalb Chinas aber weitestgehend unbekannt sein dürfte. Die Provinz Qinghai ist eine der ärmsten Regionen Chinas, flächenmäßig größer als Deutschland, aber mit nur ca. sechs Millionen Einwohnern. Am Rande des tibetischen Hochlandes gelegen und damit vier Flugstunden von Shanghai entfernt, ist man hier als europäische „Langnase“ noch eine echte Sensation (zumal, wenn man so auffällig reist wie wir (s.o.)). Die Umgebung von Xining ist landschaftlich äußerst reizvoll, schneebedeckte Berge, die bis zu 4500 Metern aufragen, der riesige See Qinghai Hu und die weite Hochebene. Dazu kommt die überall spürbare tibetische Kultur, die dem Ganzen etwas Exotisches verleiht. In Xining hatten wir auch die einmalige Gelegenheit, in Zweier- oder Dreiergruppen einen Nachmittag und Abend in einer chinesischen Familie zu verbringen und damit einen ganz besonderen Einblick in den chinesischen Alltag zu bekommen – auch wenn die Familien natürlich im Vorfeld speziell ausgewählt worden waren.

 

 

Wenn man mit 100 ausländischen Gästen eine ausgesuchte Dorfschule besichtigt, spiegelt dies sicher auch nur bedingt den chinesischen Alltag wider. Fast schon gespenstisch war allerdings die Veranstaltung, die uns in einem ethnischen Dorf der Minderheit der Tu erwartete: Fröhliche Tänze in bunten Kostümen auf einer Bühne unter Einbeziehung von Mitgliedern unserer Gruppe und immer misstrauisch beäugt von unseren chinesischen Aufpasser-Begleitern, wirkten befremdlich, zumal wenn man zuvor etwas über den allgemeinen Umgang der chinesischen Behörden mit Minderheiten im Land gelesen hat. Laut Einführungsvortrag vom Vortag leben allerdings gerade hier Richtung Tibet alle Völker friedlich und fröhlich miteinander. Dann muss auch die prompte Antwort eines unserer Dolmetscher auf die Frage, welche Sprache die Tu eigentlich sprechen, nicht verwundern: „Chinesisch.“ Und das mit einem Unterton, als sei das doch eine reichlich überflüssige Frage. Die wegen anhaltender Ungläubigkeit befragte zweite Dolmetscherin konnte zumindest sagen, dass es sich um einen Dialekt handele, den sie nicht verstehen könne.  Dass in der Schule, auch in den sogenannten autonomen Regionen der ethnischen Minderheiten, ausschließlich Chinesisch gesprochen wird, muss man in diesem Zusammenhang kaum mehr erwähnen.

 

 

Diese und andere Erlebnisse am Rande zeigten dann doch auch immer wieder, dass das Land nun mal nach wie vor von einer Diktatur beherrscht wird, was man in einer modernen Stadt wie Shanghai beispielsweise schnell vergessen kann. So blieb uns auch bis zum Schluss schleierhaft, woher die Chinesen nach den Familienbesuchen wussten, dass abends wieder alle im Hotel eingetroffen waren, dass sie es wussten, wurde klar, als gezielt nach zwei Teilnehmern gefragt wurde, die zu einer bestimmten Uhrzeit noch nicht wieder aufgetaucht waren.

 

Peking, die dritte und letzte Station dieser Reise, fiel zunächst einmal schon am Flughafen unangenehm auf, durch die deutlich sicht- und spürbar schlechte Luft. Da muss bis zu den Olympischen Spielen im nächsten Jahr sicher noch einiges geschehen, will man die Marathonläufer nicht mit Sauerstoffmaske laufen lassen. Peking ist ein Moloch mit wenig Gesicht, eine ausufernde 18 Mio.-Einwohner-Riesenstadt, in der die Verantwortlichen erst allmählich begreifen, dass es sich auch lohnt, alte Bausubstanz zu bewahren. Ähnlich wie in Shanghai fallen hier allerorten die riesigen Wohnblocks auf, die die Massen an Zuwanderern vom Land aufnehmen sollen. Gebaut wird auch hier an allen Ecken, insbesondere im Hinblick auf Olympia 2008. Obwohl in China kaum einer unter 30 Jahren einen Führerschein, geschweige denn ein eigenes Auto hat, sind die Straßen, obwohl z.T. riesig, schon jetzt ständig verstopft. Wenn man allein das Potenzial an zukünftigen Autofahrern in diesem Land bedenkt, kann einem um das Klima der Zukunft nur angst und bange werden.

 

Der Smog ist in der Regel so stark, dass die Luft selbst an der einige Kilometer vor der Stadt liegenden berühmten chinesischen Mauer diesig ist. Aber auch so ist ein Aufstieg auf diesem größten Bauwerk der Menschheit ein einmaliges Erlebnis. Sehenswert ist auch der riesige Platz des Himmlischen Friedens vor dem Eingang zur Verbotenen Stadt, der ehemaligen Residenz der Kaiser, zumal bei Nacht, wenn alles hell angestrahlt ist, inklusive des riesigen Mausoleums, in dem Staatsgründer Mao Zedong begraben liegt. Doch auch an dieser Stelle zeigt sich die Zwiespältigkeit des heutigen China: Tagsüber stehen lange Schlangen vor dem Mausoleum, die aus allen Teilen des Landes geradezu herbeipilgern, um Mao zu ehren, selbst nachts verbeugen sich Passanten vor dem großen Mao-Portrait am Eingang zur verbotenen Stadt, ein seltsames Schauspiel, wenn man bedenkt, wie viele tausend Menschen Mao auf dem Gewissen hat. Auch denkt man auf dem Platz des Himmlischen Friedens natürlich unwillkürlich an die Fernsehbilder von 1989, die Panzer der chinesischen Armee zeigen, wie sie über friedlich demonstrierende Studenten einfach hinwegrollen, das damalige Ende der aufkeimenden Demokratiebewegung. Heute ist der Platz nachts abgesperrt und tagsüber gut bewacht von Sicherheitskräften.

 

Auch in Peking hatten wir die Gelegenheit, eine Schule zu besuchen, die uns in einem halbstündigen Film ihre vielfältigen Aktivitäten präsentierte – ebenfalls eine Vorzeigeschule. Den Film könnten wir bei uns sicher ähnlich drehen, dass es sich um eine chinesische Schule handelte, merkte man allerdings spätestens bei der Sequenz über die militärische Ausbildung. Der anschließend besichtigte Verlag für Volksbildung ist vom Namen her schon bezeichnend, ansonsten eine Art chinesischer Klett-Verlag, nur dass er (noch) nicht so viel Konkurrenz hat wie die deutschen Schulbuch-Verlage.

 

Zum chinesischen Alltag bleibt noch zu sagen, dass man auch beim Essen interessante Erfahrungen machen kann (Hühnerköpfe und –füße, Lammsehnen, Riesenzikaden), man trotz der vordergründigen Vielfältigkeit irgendwann an den Punkt kommt, Mc Donald‘s zu vermissen, und der deutsch Botschafter deshalb am letzten Tag für 100 leuchtende Augenpaare sorgte, weil er ein Buffet hatte auffahren lassen, das alles enthielt, was der deutsche Gaumen zu schätzen weiß – außerdem Messer und Gabeln, mit denen man „ja doch viel besser in sich rein schaufeln kann“ (Zitat eines Delegationsmitgliedes).

 

In Erinnerung bleibt eine insgesamt hochinteressante und spannende, z.T. auch skurril anmutende Reise in ein Land, das in seinem ganzen Facettenreichtum nach wie vor schwer zu fassen ist.