Die Facharbeit: Einige Hundert Schülerinnen und Schüler beginnen zur Zeit mit den Recherchen ihrer Facharbeit. Schülerinnen und Schüler? Wirklich? Oder ihre Ghostwriter? Ihre Mütter oder Väter? Das zumindest suggeriert ein interessanter Artikel aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. In Bayern mussten die Facharbeiten bereits im Herbst abgegeben werden, deshalb war der Artikel im Oktober 2011 veröffentlicht worden. Wir in Nordrhein-Westfalen lesen diesen Artikel wie einen Bericht aus einer fernen Galaxie...
Bernd Woidtke
(mit Dank an Ralf Herbertz)
Nachtschicht - Ein Artikel aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung
17.12.11
Von Xxxx Xxxx Fotos: Christian Kerber
Wir haben schon zwei Seiten. Zwei Seiten sind ein
Riesen-Erfolg, wenn man bedenkt, dass Mitte Oktober ist, lange Zeit keine
einzige Zeile existierte – und es auch nicht so aussah, als würde es vor
November irgendwas werden mit dem Text. Der 8. November ist Abgabetag für die
Seminararbeit an bayerischen Gymnasien; anderswo in Deutschland heißt das
Facharbeit, gelten andere Termine und andere Regeln. Aber eine schriftliche
Arbeit größeren Umfangs muss jeder Abiturient schreiben. Oder schreiben lassen.
Wer kein Streber ist, hat mir mein Sohn Marc erklärt, beginnt maximal eine Woche
vor der Abgabe, geschrieben wird frühestens in den letzten drei Tagen;
redigiert, korrigiert, formatiert und gedruckt in der letzten Nacht. Dabei
fließt der Text, der im Rahmen eines sogenannten W-Seminars, eines
wissenschaftspropädeutischen Seminars, geschrieben wird, stark in die Abiturnote
ein (sie kann – je nach Notenschnitt – bis zu einem Zehntel ausmachen); ein mehr
oder minder wissenschaftliches Werk soll da also entstehen – mit Fußnoten,
wissenschaftlichem Apparat, umfassendem Material, eigenen Ideen, dem ganzen
Zauber. Ich wünschte, mein Sohn hätte was von einem Streber.

Sind die Schüler nicht vielleicht besser als ihr Ruf? Rackern sich, wenn es drauf ankommt, eben doch ab?
Marc findet, er habe noch viel Zeit. Seine Kumpels sind auch noch nicht weiter.
Ich schimpfe. Er geht eine rauchen. Ich frage zum tausendsten Mal, ob ich was
beitragen kann. Er sagt: »Lass mich in Ruhe.« Noch drei Wochen bis zur Abgabe.
Eine befreundete Lehrerin sekundiert: »Reg dich ab. Mitte Oktober? Da haben die
meisten noch nicht mal eine Gliederung.« Abregen? Ich bin gerade erst dabei,
mich richtig aufzuregen. Kann man so eine wichtige Arbeit nicht mal systematisch
und fristgemäß anfangen? Marc schläft, die letzte Nacht unterwegs war wieder so
anstrengend. Mein Sohn heißt nicht Marc, wo er zur Schule geht, wie er
wirklich heißt, wie das genaue Thema seiner Seminararbeit lautet, sei hier
verschwiegen, wie bei all den folgenden, wahrheitsgemäßen Schilderungen aus dem
deutschen Schulalltag, die einem zurzeit nur so zufliegen. Schließlich kriegt
man bei einer nachgewiesenen Fälschung, einem GuttenPlag für Anfänger sozusagen,
null Punkte, Note 6 also. Mit dem Abitur ist es erst einmal vorbei, das Jahr
muss wiederholt werden.
Schüler müssen eine Selbstständigkeitserklärung abgeben: »Hiermit erkläre ich,
dass ich diese Seminararbeit selbstständig …« und so weiter. Aber das ist eine
Farce. Nicht erst seit das unmäßige Zitieren in Doktorarbeiten einige Politiker
die Karriere gekostet hat, weiß man, dass der strategisch kluge Besuch im
Internet die halbe Miete ist. Copy & paste, einfügen, umformulieren. Und alle
Lehrer wissen auch, dass Mama und Papa im Hintergrund stehen, falls sich die
Kinder als unbegabt oder faul erweisen, und dass ehrgeizige Eltern gern
eingreifen, damit ihr Kind besonders gut abschneidet. Meine Freundin, die
Lehrerin, befindet resigniert: »Klar gibt es auch Jugendliche, die das allein
machen – und sehr gut. Meine Erfahrung sagt mir leider: Das ist nicht die
Regel.«

Liebe Lehrer, tut uns leid, der Trick war doch nicht so gut. Aber bitte nicht weitersagen, dass häufig die Mütter einen Gutteil der Seminararbeit ihrer Kinder schreiben.
Ein Rückblick
Kurz vor Ende der großen Ferien. Mein Sohn findet, er habe ein Recht auf
Erholung. Ich fände es schöner, wenn er sich nach dem Abitur erholen würde. Marc
erzählt, manche seiner Kumpel mieteten Studenten zur Unterstützung der
Seminararbeit an. Ja, er kenne jemanden, der sei sogar von seinen Eltern nach
Brüssel geschickt worden, dort hat ein Kommissions-Mitarbeiter, mit dem sie
befreundet sind, gegen Entgelt mit dem Sohn die Arbeit geschrieben. Das Thema:
Die EU-Kommisson. Wahnsinn, wie inkonsequent ist das denn? Das müssen
die Jugendlichen wirklich selbst schaffen. Ohne Fleiß kein Preis. Außerdem: Was
wären wir denn für Vorbilder, wenn wir unsere Kinder zu Fälschern erzögen?
Allerdings: Es ist mittlerweile Ende August. Wenn ich das Wort »Facharbeit«
sage, macht Marc seine Tür zu.
Wir schreiben nicht zusammen. Natürlich nicht. Unser Thema: Die Auswirkungen
der Bauhaus-Architektur auf die Moderne. Ein schönes Thema. Ein
ästhetisches Thema. Ich kenne mich mittlerweile aus. Ich könnte Referate aus dem
Stand darüber halten. Marc hat sich ein Passwort auf seinem PC zugelegt, damit
ich nicht kontrollieren kann, wie viel er wieder – nicht – geschrieben hat.
»Was sind eigentlich die Kriterien«, frage ich Marc, »welches Thema für eine
Seminararbeit infrage kommt?« Der sagt müde: »Eigentlich geht jedes, man muss es
nur mit dem Lehrer abgesprochen haben.«
Ich finde, ich bin nicht übergriffig. Nur pessimistisch. Meine Freundin Hannah
hat mich gewarnt: »Bei uns sollte es Ovid sein. Ovid und dessen Exil. Drei Tage
vor der Abgabe zeigte mir mein Sohn das Ergebnis seiner Bemühungen: eine leicht
umformulierte, mehrseitige Abschrift aus zwei Wikipedia-Einträgen: Ovid – und
Exilliteratur. Ob das reiche, wollte er wissen. Ich lachte, dann bekam ich
Panik. Pädagogischer Wahnsinn, ich weiß. Total falsch. Ich habe es unter Notwehr
verbucht und drei Tage und drei Nächte an dieser Arbeit gesessen. Wir haben
zwölf Punkte bekommen. Er hat sich immerhin bedankt.«
Pädagogische Ratgeber warnen auch: »Zu viel elterliche Hilfe bringt das Kind um
das schöne und beflügelnde Erlebnis, eine Aufgabe ohne Unterstützung bewältigen
zu können.« Aber was, wenn das Kind nicht beflügelt ist? Es ist Mitte September.
Ich dränge auf einen Besuch am Kunsthistorischen Seminar der Uni, Recherche zum
Thema. Marc geht mit, um seine Ruhe zu haben.
Eigentlich müsste der Junge schon weiter sein. Das bayerische Kultusministerium
informiert: »Das wissenschaftliche Arbeiten wird in der Kollegstufe über zwei
Jahre hinweg geübt und von einem Lehrer begleitet. Ein Jahr vor der Abgabe
werden die Themen verteilt. Es gibt Zwischenpräsentationen und gemeinsame
Bibliotheksbesuche. Die Jugendlichen sind also nicht allein gelassen, sondern
befinden sich in einem permanenten Arbeitsprozess.« Permanent? Prozess? Die
Freundin einer Freundin über ihren Sohn Andi (es sind fast immer Söhne, das muss
genetisch sein): »Er hat das Thema Tennistradition am Beispiel von Wimbledon
2011. Leider hat er aber das Turnier nicht angeschaut. Keine Zeit. Er hat
auch nichts aus der Zeitung ausgeschnitten. Keine Zeit. Jetzt fragt er mich, ob
ich was über Wimbledon besorgen kann – ›’n Buch oder so‹. Im Internet gäbe es
angeblich zu wenig. Ich rufe: ›Nein! Selbst schuld.‹ Und heimlich sammle ich
Berge von Zeug. Er wird es brauchen.«
Mittlerweile ist
Ende September, das Vorwort ist fertig. Ein verregneter Nachmittag machte es
möglich. Seither ist wieder die Luft raus. Ich meckere. Marc surft auf Facebook.
Ich trage Bücher und Fachzeitungen zusammen, er legt sie ungelesen ins Regal.
Ich schlage eine Motivationstour nach Weimar vor, am Wochenende. Er kann nicht,
muss feiern, ein Kumpel wird 18. Ich sage jetzt »wir«, wenn es um die Facharbeit
geht. »Wir müssen noch das und das nachlesen, wir sollten noch mal die
Gliederung diskutieren.« Schleichende Aufweichung von Prinzipien, eh klar. Mein
Mann hält sich raus: »Da muss der allein durch, und wenn er Mist abgibt, muss er
eben den Preis dafür zahlen.« Marc sagt: »Jetzt chill mal.«
Meine Freundin, die Lehrerin, grinst jetzt immer, wenn sie mich trifft. Sie
sieht meine Kapitulation voraus: »Im Lehrerzimmer ist es ein geflügeltes Wort,
bei der Bewertung der Seminararbeit zu fragen: Ob der Vater von X oder Y das
aushält, dass sein Sohn auf seine Arbeit nur vier Punkte bekommt.« Also, ehrlich
gesagt, wir hätten schon gern mindestens zehn.
Im Münchner Kultusministerium behaupten sie, es sei quasi nicht möglich zu
schummeln: »Die Arbeit wird kontinuierlich vom Lehrer betreut.
Naturwissenschaftliche Experimente werden in der Schule unter Aufsicht
vorgenommen.« Nicht schummeln? Schüler übernehmen doch auch ganze Hausaufgaben
aus dem Internet. Wer bei Google »Seminararbeit schreiben lassen« eingibt,
bekommt fast eine Million Treffer, einige sind professionelle Agenturen. Fertige
Texte sind auch im Angebot. Wie oft jemand damit auffliegt, ist im Ministerium
unbekannt. »Das regeln die Schulen intern.«
Noch nach sagenhaften 50 Jahren kann einem das
Abitur aberkannt werden, sagen sie im Ministerium. Ich schwitze jetzt nachts
verstärkt. Angstschweiß?
Viele Lehrer nutzen eine spezielle Software, um Kopien zu entdecken. Das
Schulministerium in Nordrhein-Westfalen erklärt, wie man Unterschleif erkennt:
Wer Formatierungswechsel, etwa exotische Interpunktionszeichen, nicht
eliminiert, fällt auf. Orthografische Fehler werden oft aus Schlampigkeit
übernommen, wer ein Kontroll-Programm über einzelne Sätze laufen lässt, sieht
das sofort. Aber: Wissen die auch, wie man aufdeckt, wenn jemand beim Schreiben
daneben saß? Glück gehabt, so weit ist die Technik nicht.
Marc kann nicht schreiben, er muss zum Fußball. Ich habe das Wort »Bauhaus« in
großen Lettern an seinen Spiegel geklebt. Nachts liege ich wach, die Zweifel
wachsen in doppelter Hinsicht: Mach ich zu viel Druck? Ersticke ich ihn? Hindere
ich ihn daran, Eigeninitiative zu entwickeln? Andererseits: Wenn ich die Dinge
bisher laufen ließ, gingen sie auch meistens schief. Seit er in der Pubertät
ist, hat bei ihm die bessere Einsicht selten gesiegt.
Meine Kollegin Irina hat sich mittlerweile mit ihrem Sohn in ein Wochenendhaus,
weit weg von jeder Ablenkung, zurückgezogen. »Er hat noch nie einen längeren,
zusammenhängenden Text geschrieben und ist null motiviert. Die Geschichte
des Marathonlaufs – ich schreibe also den historischen Teil, er unter
meiner Aufsicht den aktuellen. Dann habe ich das Ganze zusammengeschrieben. Wie
es geworden ist? Geht so. Nie wieder Marathon. Ich jogge nicht mal.«
Ich jogge. Das Marathon-Thema hätte mir gefallen. Hat man nun zwölf Jahre lang
Vokabeln abgefragt und vor Schulaufgaben den Stoff abgehört, um am Schluss, wenn
es ums Ganze geht, distanziert zuzuschauen, wie das Kind sich um seine Note und
seine Zukunft bringt? Schließlich setzt dieses System doch unverhohlen auf die
Hilfe der Eltern, von der ersten Klasse an! Also doch mitmachen? Selber
schreiben? Mir meinen kleinen Plagiator heranziehen, was dem einen sein
wissenschaftlicher Dienst ist, ist dem anderen sein heimlicher Helfer? Auf der
Webseite des bayerischen Kultusministeriums steht: »Im W-Seminar werden in
exemplarischer Weise fachwissenschaftliche Inhalte und Methoden sowie
allgemeinwissenschaftliche Arbeitsweisen vermittelt. Eigenständige Arbeit der
Schülerinnen und Schüler.« Eigenständig ist gefettet.
Ach, Pädagogik: Land der Lügen, Welt der Schwäche. Karl-Theodor zu Guttenberg
hat nach der Aberkennung seiner Doktorwürde die »Erwartungshaltung« seiner
Familie beklagt, die »bestehenden Anforderungen erfolgreich zu bewältigen«.
Meine Erwartung ist nicht hoch. Ein paar fertige Seiten würden mir vorerst
reichen. Anfang Oktober. Mein Sohn sagt, er hat zu lange nicht mehr in sein
Material geschaut, muss sich jetzt erst mal wieder einlesen. Statt in seinen
Aktenordnern liest er in seinem Krimi.
Es gibt so viele, die zurzeit leiden, oder das Leid gerade hinter sich haben.
Ein Bekannter zum Beispiel versetzt mich in große Unruhe: Er hatte vergangenes
Jahr in der Nacht vor der Abgabe die Seminararbeit von seinem Sohn zum
Ausdrucken bekommen. Er sei fertig, hatte der gesagt – aber der Vater hätte den
besseren Drucker im Büro. »Es war neun Uhr abends, ich war müde, als ich mir die
Arbeit vornahm – irgendwas Spanisches, Kolonialkriege oder so. Das Ding war
Kraut und Rüben. Ich habe angefangen zu lesen, musste tausend Schreibfehler
korrigieren. Wahnsinn, so etwas abgeben zu wollen. Dann, weit nach Mitternacht,
habe ich meinen Sohn angerufen, weil ich noch was wissen musste. Sagt der: ›Was
ist denn noch? Ich will schlafen und morgen zum Skifahren.‹«
Immer mehr Schüler werden nicht zum Abitur zugelassen, weil sie auffliegen.
Immer mehr Schuldirektoren wissen, dass sie Gemeinschaftswerke bekommen. Was
machen eigentlich Jugendliche, deren Eltern sich nicht auskennen, kein Geld,
keine nützlichen Bekannten, keine Zeit haben? Marc und ich, wir haben ein
Luxusproblem.
Wahnsinn, Seite zwei, der allgemeine Überblick, ist
fertig. Seit einer Woche. »Mehr geht jetzt echt nicht«, sagt Marc, er ist müde
von der Schule, zu hohe Anforderungen im letzten Jahr.
Mitte Oktober. Marc fährt auf Klassenfahrt. Ich gehe durch die Stadt und schaue
nach Bauhaus-Relikten. In jedem Jil-Sander-Kleid sehe ich Bauhaus-Elemente. In
meiner Freizeit lese ich Biografien von Bauhaus-Künstlern. Gestern habe ich
heimlich angefangen zu schreiben, muss er ja nicht wissen. Wenn wir Anfang
November immer noch bei Seite zwei sind, kann ich meine Seminararbeit aus der
Schublade ziehen. Hoffentlich gefällt sie seinem Lehrer.
Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36435