Nation und Heimatbegriff: Früher und Heute
23.10.11
Was bedeutete Heimat im 19. Jahrhundert? Und was bedeutet sie für uns heute? Diesen Fragen sind Schüler des Geschichts-LKs der 12. Klasse des Gymnasiums Kerpen im Stadtarchiv Kerpen nachgegangen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das, was wir heute als Deutschland kennen, ein Flickenteppich aus vielen souveränen Territorialstaaten unter der Herrschaft vieler verschieden Fürsten. Obwohl sich viele Deutsche damals ein einiges Deutschland wünschten, konnte Anfang des 19. Jahrhunderts niemand so recht sagen, was Heimat und Nation ausmachten. Waren es kulturelle Werte, die die Deutschen damals verbanden? Oder war es doch der Hass gegen den gemeinsamen Feind Frankreich unter Napoleon, der sie damals einigte?
Im Jahre 1813 wurde der Begriff Heimat durch das Lied „Des Deutschen Vaterland“ von Ernst Moritz Arndt (1769-1860) so definiert: Für ihn war die Heimat beziehungsweise der Deutschen Vaterland jener Ort, an dem Deutsch gesprochen wurde. So dichtete Arndt in der siebten Strophe seines Liedes: „So weit die deutsche Zunge klingt.“
Quelle: http://www.stadt-kerpen.de
Und was verstehen wir heute unter dem Begriff Heimat? Um diese Frage beantworten zu können, hörten wir uns Interviews an, die bereits im letzten Jahr von einem Geschichtskurs unserer Schule für die Ausstellung „hin und weg“ geführt worden waren. In diesen Interviews kommen Menschen zu Wort, die die Region Rhein-Erft-Rur entweder verlassen haben oder aber hierher gezogen sind. Während der Interviews wurden diese Personen auch zu ihrer Vorstellung von Heimat befragt und daher waren diese Interviews besonders interessant, um der Frage nach der Bedeutung des Heimatbegriffes auf den Grund zu gehen.
Einwanderer, zum Beispiel aus der Türkei oder aus Polen, gaben an, dass ihre Beweggründe, nach Deutschland zu kommen, vor allem die Wünsche nach Arbeit und generell besseren Lebensbedingungen waren. Alle befragten Einwanderer gaben an, in Deutschland integriert zu sein, sich wohl zu fühlen. Bei der Frage, was für sie Heimat sei, waren die Meinungen allerdings geteilt. Einige antworteten, dass Heimat dort sei, wo man willkommen ist, wo man sich wohlfühlt und wo man Freunde hat. Andere hingegen verbinden mit Heimat den Ort, aus der die Familie stammt. Demnach ist für diese Einwanderer Deutschland nicht etwa Heimat, sondern „Zuhause“.
Nun fragt man sich vielleicht, was denn der Unterschied zwischen „Heimat“ und „Zuhause“ ist. Ernst Robert Hoffsümmer, ein Deutscher, der nach Kanada ausgewandert ist, brachte dies auf den Punkt. Die Heimat sei für ihn dort, wo er seine Kindheit, seine Jugend verbracht habe. Wenn er an die schöne alte Zeit zurückdenkt, würden Erinnerungen in ihm wach, die augenblicklich Heimweh auslösten. Diese Erinnerungen seien unvergesslich, daher werde für ihn Deutschland immer seine Heimat bleiben. Doch trotz der schönen Zeit in Deutschland bevorzugte er seinen neuen Wohnort Kanada. Er brachte zwar seine deutschen Sitten mit, integrierte sich aber auch in das kanadische Leben, lernte Kanadier kennen, lernte die englische Sprache. Gerne besuche er seine Heimat, Deutschland, aber leben möchte er in seinem neuen Zuhause - Kanada.
Doch die Bedeutung für Heimat muss sich nicht auf ein oder zwei Länder beschränken. Diese Ansicht vertreten ein Engländer und zwei Franzosen, die hierher eingewandert sind. Der Engländer sieht sowohl in seiner alten Heimat England, als auch in seinem neuen Zuhause Deutschland sehr viele Vorteile, denn beide Länder haben Vorzüge, die er nicht missen will. Er jedoch sieht sich weder als Engländer noch als Deutscher. Er fühlt sich als Europäer und gibt an, sich überall in Europa wohlfühlen zu können, solange er in den Ländern seinen Lebensinhalt -für ihn die Kunst- wiederfinden könne. Auch die interviewten Franzosen sehen sich als Europäer. Sie erzählten, dass ihre Heimat ihre Familie, also Ehepartner und Kinder, sei und sie sich daher an jedem Ort zuhause fühlen könnten, sofern die Familie dabei sei.
Leman Turan, eine Deutschtürkin, berichtete in ihrem Interview davon, dass das Herz die Heimat ist. Heimat ist dort, wo man sich wohl und zu Hause fühlt, da, wo man immer willkommen ist. Ein Deutschpole, der aus Schlesien ins Rheinland ausgewandert war, gab zu Protokoll, dass er anfangs von einigen voreingenommenen Deutschen als "Pimmock" (Pimmock =Fremder, meist abwertend für Vertriebene aus dem Osten) bezeichnet wurde. Später, als er sich öffnete und auch die rheinische Kultur annahm, wurde er aufgenommen und mittlerweile wird er als "D´r leeve Jung " bezeichnet.
Für alle,
deren Interesse wir jetzt geweckt haben und die mehr dazu wissen wollen, gibt es
die Möglichkeit die Ausstellung „Hin und weg – Zur Wanderungsgeschichte der
Menschen in der Region Rhein-Erft-Rur“ im Haus für Kunst und Geschichte,
Stiftsstraße 8, 50171 Kerpen, zu besuchen. Man kann sich dort unter anderem auch
die Interviews mit den Einwanderern und Auswanderern anhören, die im Rahmen des
Oral-History-Projektes von Schülerinnen und Schülern eines
Geschichtszusatzkurses der letzten Jahrgangsstufe 13 gemacht worden sind. Die
Ausstellung kann vom 14.10.2011 bis zum 29.01.2012 besucht werden.
von: Tessa Buch, Sascha Gasterstedt, Jessica Hahne, Kevin Knevel, Sükrüye Kurt, PatriciaThiebach (LK Geschichte, Potes)