Tina Hildebrandt in Kerpen

Ehemalige Schülerin, jetzt ZEIT-Korrespondentin

6.5.11

 

Fotos

 

DIE ZEIT wurde 65 - und beschenkte ihre Leser. "Schlagt uns eine interessantes Gesprächsprojekt vor und wir kommen", bot man im Frühjahr an. Das musste ich mir nicht dreimal überlegen. Die SoWi-Kurse diskutieren für ihr Leben gerne über Politik, DIE ZEIT dient dabei oft als Informationsquelle. Also fragte ich bei der ZEIT an, ob Tina Hildebrandt, politische Journalistin und Hauptstadtkorrespondentin, mit uns sprechen könnte. Sie freute sich, an die Schule zurückzukommen, an der sie 1989 Abitur gemacht hatte (u.a. im Geschichts-LK von Herrn Ripp und im Englisch-LK von Frau Fabini). Genauere Infos über Tina Hildebrandt gibt es hier. Mein 12er SoWi-LK kam, außerdem der 11er SoWi-Kurs von Frau Lentzen-Burmester und einige 13er, die gerade fast fünf Stunden Abi-Klausur hinter sich hatten!

 

"Als Journalisten sind wir der Regierung gegenüber prinzipiell misstrauisch", sagte sie, "und zwar egal, welche Partei an der Macht ist. Das heißt nicht, dass wir Politikern grundsätzlich nur Böses unterstellen, aber wir glauben erstmal gar nichts, prüfen nach, recherchieren, trauen einer Information erst, wenn wir uns von ihrer Glaubwürdigkeit absolut überzeugen konnten." Das ist eine interessante Grundhaltung, die auch bei den Schüler/innen Resonanz fand.

 

Tina Hildebrandt im Gespräch mit Schüler/innen der Jahrgangsstufen 11-13

 

Viele Fragen kamen. Natürlich waren die Schüler/innen vor allem auch an einem Blick hinter die Kulissen interessiert. "Welche Politiker sind privat ganz anders als vor der Kamera?" - "Alle!" sagte Frau Hildebrandt. Frau Merkel zum Beispiel sei in der Öffentlichkeit ja nicht unbedingt ein Muster an Witz und Temperament, privat aber sehr wohl. Bei Horst Seehofer sei das eher umgekehrt: Vor der Kamera charmant und ironisch, privat eher hart und bissig. "Wem trauen Sie eine große politische Karriere zu?" "Norbert Röttgen", sagt sie spontan, "er wirkt authentisch, spricht eine klare Sprache und hat einen deutlichen Machtwillen, den andere Politiker dieser Generation möglicherweise nicht in dem Maße haben." Zum Beispiel hält sie es taktisch gesehen für einen Fehler, dass Philipp Rösler, als er das Amt des FDP-Vorsitzenden anstrebte, Guido Westerwelle im Außenministeramt belassen hatte. Damit habe er sich geschwächt, meint sie. Das seltsame sei auch gewesen, dass Westerwelle als Vorsitzender der FDP zurücktreten musste, obwohl er ja in der Opposition sehr erfolgreich war, als Außenminister aber im Amt bleibt, obwohl er dort eher schwach agiere.

 

Ben Hölzemer, der gerade aus der SoWi-Abiturklausur gekommen war, fragte nach ihrer Einschätzung von Wikileaks. Hildebrandt: "Bei uns in der ZEIT gibt es zwei Lager, die einen lehnen Wikileaks und ihre Enthüllungspolitik strikt ab, die anderen sehen das nicht ganz so negativ, ich gehöre zur zweiten Fraktion. Ich finde es entscheidend, wie die Medien mit den Wikileaks-Informationen umgehen, wir sind der Filter, durch den die Infos durchmüssen, das ist unsere Verantwortung, nicht die von Wikileaks."

 

Felix Siep wollte wissen, ob sie den Kurswechsel der Bundesregierung in der Atomfrage für populistisch halte. "Ja, das ist sicher populistisch. Aber: Populismus an sich muss nicht immer schlecht sein. Da steckt ja drin, dass sich eine Regierung nach der Meinung der Mehrheit der Bevölkerung richtet und die ist in Deutschland deutlich gegen Atomkraft eingestellt." Problematischer findet sie den Klientelismus verschiedener Parteien. Die FDP mit ihrer Steuersenkungsideologie zum Beispiel, aber auch die SPD mit ihrer plötzlichen Ablehnung der Rente mit 67, die sie noch selbst auf den Weg gebracht hatte. "Die Parteien merken gelegentlich nicht, dass die Bevölkerung klüger ist als sie selbst!"

 

Frau Hildebrandt wollte aber auch von den Schülern etwas wissen: "Wie ist Ihr Zugang zur Politik, was erwarten Sie von den Politikern, was erwarten Sie von den Medien?" "Politiker sollten auf uns zugehen, uns ernst nehmen, sie sollten echt sein", meinte Kevin Lichtenfeld. Andere verwiesen auf die manchmal sehr abgehobene Sprache bei den Qualitätsmedien, auch bei der ZEIT. Tina Hildebrandt: "Ja, kann ich nachvollziehen. Bei der ZEIT hat sich das allerdings in den letzten Jahren schon ein bisschen geändert. Einer der Herausgeber, Theo Sommer, inzwischen 85 Jahre alt, sagte vor Jahren: >Unsere Leser erwarten von uns, dass in jedem Artikel mindestens ein Fremdwort vorkommt, das sie nicht verstehen!< Das ist heute nicht mehr so!"

 

Zwei Stunden intensiven Gesprächs gingen zu Ende, ein großer Dank an Tina Hildebrandt für ihre Offenheit, anschauliche Darstellung und intellektuelle Brillanz und an die beteiligten Schüler/innen für kluge Fragen und große Aufmerksamkeit.

 

Bernd Woidtke