S C H U L E
Alle zum Einzeltraining
März 09
Die Unterschiede zwischen Schülern wachsen, die Vorstellung von homogenen
Klassen ist überholt. In Zukunft sollen die Lehrer mehr moderieren, weniger
dozieren – und die Fähigkeiten jedes Einzelnen fördern
VON MARTIN SPIEWAK
In ihrem Alter ist es nicht cool, aufgeregt zu sein. Aber ein bisschen nervös
sei sie schon, sagt Lena. Schließlich trägt man mit elf Jahren nicht alle Tage
ein Theaterspiel vor – auf Englisch und Französisch, vor mehr als 50 Zuschauern.
Fast zwei Monate lang haben das Mädchen und ihre drei Klassenkameraden den
Auftritt vor Eltern, Lehrern und Mitschülern vorbereitet: Informationen
gesammelt, die Dialoge geschrieben, an den fremden Vokabeln gefeilt. »In der
Woche vor der Aufführung haben wir fast nichts anderes gemacht«, sagt das
Mädchen. Für das Rollenspiel gibt es nicht einmal Zensuren. »Doch für die
Schüler ist die Präsentation wichtiger als jedes Zeugnis«, sagt Schulleiterin
Ortrud Meyhöfer. Sie selbst hat ganz ähnliche Prioritäten. Wenn die Schüler der
Voltaire-Schule vor Publikum ihr »Monatsthema« vorstellen, dann präsentieren sie
zugleich das Ergebnis eines pädagogischen Experiments: So stellen sich die
Lehrer der Potsdamer Gesamtschule den Unterricht der Zukunft vor. »Wir müssen
den Schülern mehr Chancen geben, ihre individuellen Talente zu entfalten«, sagt
Meyhöfer. Seit einiger Zeit erprobt die Voltaire-Schule in den unteren Klassen
deshalb ein neues Konzept. Mehrmals im Jahr stimmen Lehrer ihre Stunden
aufeinander ab und einigen sich auf ein gemeinsames Thema. »Berlin – London –
Paris« hieß das Motto vor Kurzem, das Deutsch, Französisch, Englisch und Kunst
verband. Die Schüler erarbeiten ihr Projekt über mehrere Wochen weitgehend
eigenständig. »Unterricht, in dem alle das Gleiche machen, wird immer mehr der
Vergangenheit angehören«, sagt die Rektorin.

Beispiel für individualisierten Unterricht an der Europaschule Kerpen: Schüler bearbeiten ein Projekt zum Thema: Politiker on Stage
Die Schule entdeckt den einzelnen Schüler. Ob auf
Fortbildungen oder Lehrerkonferenzen, in bildungspolitischen Statements oder
wissenschaftlichen Vorträgen: Kein Thema steht derzeit so häufig im Mittelpunkt
wie die »Individualisierung des Unterrichts«. Was bislang nur an Vorzeigeschulen
und einigen deutschen Grundschulen gelingt, sollen bald alle Lehranstalten des
Landes können: die Unterschiede der Schüler als Vorteil anstatt als Belastung zu
betrachten. Nicht mehr der »imaginäre Durchschnittsschüler«, sagt der
Schulforscher Andreas Helmke, gelte als Leitbild der Lehrer. In Zukunft soll ihr
Unterricht die Talente und Interessen des Einzelnen fördern. In
Nordrhein-Westfalen könnten Eltern seit Kurzem sogar einen solchen Unterricht
für ihr Kind einklagen. Gleich im ersten Satz verspricht das neue Schulgesetz
des Landes »individuelle Förderung« für jeden.
Wenn es nur so einfach wäre! Hinter dem bildungspolitischen Appell steckt der Aufruf zu einer Revolution im Klassenraum. Bisher gilt dort das Gesetz der pädagogischen Einfalt. Vorn steht ein Lehrer, der nach einem Lehrplan und einem Notenraster eine Gruppe beschult. Nun soll der Unterricht plötzlich der Vielfalt frönen. »Das ist ein Generationenprojekt«, sagt Kurt Reusser, Didaktikprofessor an der Universität Zürich.
Der Ruf nach stärker differenziertem Lernen hat viele Gründe. Das gute
Abschneiden der deutschen Grundschulen durch individualisiertes Lernen bei
internationalen Leistungstests gehört dazu; ebenso Veränderungen der
Schulstruktur in einigen Bundesländern . Auch Befunde der modernen
Lernpsychologie stützen die Erkenntnis, dass Lehrer am erfolgreichsten sind,
wenn sie Schüler zur Eigenständigkeit anregen.
Am stärksten stellt die wachsende Vielfalt im Klassenzimmer das alte Pauken im
Gleichschritt infrage. Schon bevor Kinder die Schule betreten, sind die
Unterschiede enorm. Zwischen Jungen und Mädchen, schnellen und langsamen
Lernern, Einwandererkindern und Einheimischen. Während die einen bereits lesen
können, erkennen die anderen nicht einmal einzelne Buchstaben. Von Jahr zu Jahr
driften die Schüler weiter auseinander. Diese wachsende Heterogenität, meint der
Pisa-Forscher Jürgen Baumert, sei die größte pädagogische Herausforderung der
Zukunft.
In der Vergangenheit kannte die deutsche Schule vor allem eine Antwort auf die
Ungleichheit der Schüler: ihre frühe Aufteilung auf Gymnasium, Real- und
Hauptschule. Bis heute leben viele Lehrer mit der Illusion, vor einer homogenen
Klasse zu stehen. Fast zwangsläufig ergibt sich daraus das didaktische Mittel
der Wahl: klassischer Frontalunterricht, der alle Schüler gleichzeitig
anspricht. Mehr als hundert Jahre Reformpädagogik – von Jenaplan über Montessori
bis hin zu Waldorf – haben dem lehrergeführten Ganzklassenunterricht wenig
anhaben können. Wissenschaftliche Abhandlungen über »Binnendifferenzierung« und
»kooperative Lernformen«, die seit den siebziger Jahren die didaktische
Literatur beherrschen, haben die traditionelle Unterrichtsform kaum erschüttert.
Dabei zeigten schon immer einzelne Schulen, wie es auch anders geht. Jedes Jahr
krönt der Deutsche Schulpreis die besten Werkstätten der Neugier. Die
Bodensee-Schule in Friedrichshafen zum Beispiel, wo sich die Schüler morgens
selbst mit dem Lernstoff versorgen. Oder die Montessori-Schule in Potsdam, in
der Lehrer die Tafeln aus den Klassenräumen verbannt haben, da sie Pädagogen zu
zeigefingersteifer Belehrung verführen.
Bislang jedoch strahlen diese Leuchttürme des Lernens einsam vor sich hin. Das
legen Videostudien von typischen Unterrichtssituationen nahe. Schulforscher vom
Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel
dokumentierten den Physikunterricht an Gymnasien und Realschulen. Dabei habe man
eine »überaus starke Dominanz des Lehrers« festgestellt, berichtet Tina Seidel,
Mitautorin der Studie. Egal wie groß die Klasse war oder wie weit die Leistungen
der Schüler auseinanderlagen – die Monokultur des Lehrers als Alleinunterhalter
zog sich durch alle Aufnahmen. Eine Studie zum Englischunterricht ergab, dass
pro Unterrichtsstunde alle Schüler zusammen genommen nur elf Minuten reden.
Die Hälfte der 45 Minuten spricht der Lehrer. Die Befunde werden von der
Osnabrücker Schulforscherin Claudia Solzbacher
bestätigt. Sie befragte Lehrer zu ihrem Unterrichtsstil. Zwar bezeichnen alle
Pädagogen die »individuelle Förderung« als wichtiges Ziel. Doch die meisten
probieren alternative Unterrichtsformen allenfalls »hin und wieder« aus. Noch am
weitesten verbreitet scheinen Nachhilfestunden für lernschwache Kinder und
Jugendliche zu sein. Sie stehen in vielen Bundesländern mittlerweile auf dem
offiziellen Lehrplan. Sämtliche Schüler individuell zu fördern halten jedoch
rund 90 Prozent der Befragten für unmöglich. »Von einer veränderten Lernkultur
sind wir noch weit entfernt«, resümiert Solzbacher.
Doch nun machen die Bildungsministerien Druck. Als wichtiges Instrument des
Wandels dient ihnen die Schulinspektion. In vielen Bundesländern bewerten seit
einiger Zeit Inspektoren – Kultusbeamte, ehemalige Schulleiter oder Lehrer – die
Schulen. Auch die Voltaire-Schule in Potsdam erhielt vor zwei Jahren Besuch.
Drei Tage lang streiften die Experten durch Klassen und Lehrerzimmer. Mit dem
anschließenden Zeugnis konnte die Gesamtschule zufrieden sein. Das Schulklima
und die Zusammenarbeit mit den Eltern erhielten Bestnoten, das Engagement der
Lehrkräfte sei vorbildlich. Nur einen Kritikpunkt gab es: Die Schule, hieß es im
Inspektionsbericht, berücksichtige »Niveauunterschiede der Schüler« zu wenig. Zu
häufig langweilten sich gute Schüler, oder Leistungsschwächere kämen nicht mit.
»Völlig überraschend kam das Urteil nicht«, sagt Schulleiterin Meyhöfer. Zwar
bietet die Schule seit Langem Nachhilfe in Mathematik und Deutsch an, für die
Besten gibt es Zusatzstoff am Nachmittag. Im Unterricht jedoch hatte sich nur
wenig getan. Das sollte sich nun ändern, die neuen Klassen machten den Anfang.
Montagmorgen, in der Sechsten steht Englisch auf dem Stundenplan. Der erste
Schultag nach dem großen Auftritt. Die Schüler müssen ihre Arbeit der
vergangenen sechs Wochen bewerten: Kann ich jetzt auf Englisch einen Weg
beschreiben? Beherrsche ich das present perfect? Was muss ich bei meiner
nächsten Präsentation anders machen? Lena beantwortet die Fragen auf Englisch,
ihr Nachbar schafft es nur auf Deutsch. »Gerade in Englisch sind die
Unterschiede riesig, mit denen die Kinder aus der Grundschule kommen«, sagt
Lehrerin Stefany Hummel. Da verbiete es sich, allen das identische Programm
anzubieten. Nach 20 Minuten sind die Ersten mit der Auswertung fertig und wenden
sich den Übungen zu. Stefany Hummel hat dafür unterschiedlich schwierige
Aufgaben erstellt und auf verschiedene Schachteln verteilt. Immer wieder gehen
die Kinder nach vorn und nehmen sich einen neuen Zettel. Obwohl die Schüler
ständig in Bewegung sind, bleibt es erstaunlich ruhig. Nur ganz selten muss die
Lehrerin jemanden zum Weitermachen ermahnen. Denn jeder weiß: Wer das
Mindestpensum an Aufgaben nicht schafft, muss zu Hause nacharbeiten. Nicht alle
Stunden verlaufen so selbstbestimmt, erklärt Stefany Hummel. Muss sie ein neues
Kapitel englischer Grammatik einführen, erklärt sie es allen Schülern klassisch
an der Tafel. Als es jedoch nach neunzig Minuten zur großen Pause klingelt, hat
kaum eines der 25 Kinder zum gleichen Zeitpunkt das Gleiche gemacht.
Mit zwei Schülern hat Hummel im Nebenraum sogar einen mündlichen Englischtest
absolviert. Schon Fünftklässler lernen sich selbst einzuschätzen, dabei helfen
ihnen sogenannte Kompetenzraster. Sie führen detailliert das Lernpensum in einem
Halbjahr auf. Fühlen die Kinder sich in einer Lektion sicher, melden sie sich
zur Prüfung. »Das erfordert von ihnen viel Selbstständigkeit«, erklärt Hummel –
und von den Lehrern einen guten Überblick. »Manchmal möchte man sich dreiteilen,
um alle Schüler genau zu beobachten.« Der individualisierte Unterricht stellt
hohe Anforderungen an die Lehrer. Sie müssen nicht nur neue didaktische Methoden
beherrschen, sondern auch die einzelnen Schüler richtig einschätzen können.
Warum erfasst der eine Textaufgaben in Mathematik nicht angemessen? Wer soll in
einer Kleingruppe gemeinsam Aufgaben bearbeiten, und wer lernt besser allein? Wo
sind bei wem Schwerpunkte in der Förderung zu setzen? »Viele Lehrer sind mit
solchen Fragen überfordert«, glaubt Rainer Watermann, Schulforscher von der
Universität Göttingen. So waren nur wenige Schüler, die bei Pisa weit unter dem
Durchschnitt abschnitten, zuvor von ihren Lehrern als schlechte Leser
identifiziert worden.
Ohnehin wird die Bedeutung des Lehrers im individualisierten Unterricht häufig
unterschätzt. Er sei nur ein Moderator, heißt es, er halte sich zurück. »Dabei
ist er höchst aktiv«, sagt der Kasseler Erziehungswissenschaftler Frank Lipowsky.
Der Lehrer steuert die Stunde im Hintergrund, passt die Methoden den Schülern
an, wechselt immer wieder von Phasen der Freiarbeit zum Lehrergespräch. In ihrer
Ausbildung lernen deutsche Pädagogen all dies bis heute kaum. Schulbücher und
Unterrichtsmaterial, die verschiedene Aufgabenniveaus bedienen, gibt es bislang
nur für die Grundschule. Die Lehrer müssen sie häufig selbst erstellen. Das geht
am besten im Team. Denn im traditionellen 45-Minuten-Takt, isoliert nach
einzelnen Fächern, funktioniert das individualisierte Lernen nur schwer. Steht
an der Voltaire-Schule etwa ein Monatsthema an, bedeutet dies für die
betroffenen Kollegen viele Sitzungen an Nachmittagen und Zusatzarbeit am
Wochenende. »Der Aufwand ist gerade in den ersten Jahren enorm«, bestätigt
Schulleiterin Ortrud Meyhöfer.
Zudem erfordert das neue Lernen gute Bedingungen. Kleine Klassen lassen sich
einfacher im Blick behalten als große. Gruppenarbeit lässt sich besser
organisieren, wenn ein zweiter Raum zur Verfügung steht. Die Voltaire-Schule hat
besondere Ressourcen und die besten Lehrer in die Anfangsklassen gesteckt. Doch
wenn die Erneuerung des Lernens in den höheren Stufen gelingen soll, muss dies
unter normalen Bedingungen geschehen – nicht nur in Potsdam, sondern in allen
Schulen. Mit Klassen von 30 Schülern und nur durchschnittlich engagierten
Pädagogen, deren Routinen sich über Jahrzehnte eingeschliffen haben und die
nicht daran glauben, dass man jedem Schüler gerecht werden kann. »Individuelle
Förderung setzt eine professionelle Haltung voraus«, sagt Claudia Solzbacher.
»Fehlt diese, wird es schwer.« Auf eines jedoch können sich die Reformer
verlassen: Schüler, die selbstständigeres Lernen kennen, werden es später
einfordern. Weil es sie ernst nimmt und anregender ist. »Unser Unterricht ist
fast nie langweilig«, findet Lena. Ein größeres Lob kann eine Elfjährige kaum
aussprechen.
Weitere Informationen
Bundesministerium für Bildung und Forschung:
Individuelle Förderung und
An den Stärken ansetzen
Netzwerk: Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen
DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10 - 26. Februar 2009
http://www.zeit.de/2009/10/B-Individualunterricht