Indische Tänzer zu Gast in Kerpen
Die Kunst der Körperbeherrschung
29.5.08
„In Europa benutzt man Teller, um davon zu essen, in Indien benutzt man Teller auch, um darauf zu tanzen.“ Mit diesen Worten kündigte Miss Virgin, künstlerische Leiterin einer indischen Tanzgruppe, die am vergangenen Montag, 26. Mai, in der Europaschule zu Gast war, einen Tanz der besonderen Art an. Was die rund 70 Schülerinnen und Schüler, die der Vorführung beiwohnten, dann zu sehen bekamen, war ebenso außergewöhnlich, wie die Ankündigung versprochen hatte: Auf dem Rand zweier flacher Messingteller stehend bewegten sich zwei junge Mädchen, elf bzw. zwölf Jahre alt, zu den Klängen indischer Musik elegant über die Bühne der Aula.
Die Montag-AGs von Herrn von Boetticher (Theater Klassen 6-8), Herrn Philippi (Theater Klasse 5) und Frau Loffredo (Ballett-Stretching-Yoga) hatten am vergangenen Montag die besondere Gelegenheit, eine außergewöhnliche Veranstaltung mitzuerleben. Zu Gast waren sieben Tänzerinnen und ein Tänzer der Tanzgruppe „Nrityavani“ aus der südindischen Metropole Bangalore mit ihrer künstlerischen Leiterin Miss Virgin, die sich zurzeit auf Tournee durch Deutschland, Österreich und Frankreich befinden. Ich selber hatte die Gruppe in den Weihnachtsferien in Bangalore sehen und kennenlernen können und damals, sehr beeindruckt von Mimik, Gestik und Körperbeherrschung der jungen Tänzerinnen und Tänzer, den Wunschtraum geäußert, solches einmal meiner Theater-AG vorführen zu können, um meinen jungen Schauspielern und Schauspielerinnen zu zeigen, was mittels Körpersprache alles möglich ist. Nun machte mein damaliger Reisebegleiter und jetzige Gastgeber der Gruppe in Köln, Markus Perger, genau dieses tatsächlich möglich: einen Auftritt mit Workshop der indischen Tänzer in der Schulaula unserer Schule.
Der Jubel war groß, als die indische Tanztruppe in Kerpen auftrat - klick auf das Bild, dann wird es groß!
Die Gruppe wird geleitet von Father Thomas, einem Jesuitenpater in Bangalore, und setzt sich zusammen aus sieben Tänzerinnen und einem Tänzer im Alter zwischen elf und Ende 30, die eine professionelle Ausbildung bekommen und das Bild Indiens auch insofern widerspiegeln, dass sie aus ganz verschiedenen Teilen des Landes stammen und sich unter den Mitgliedern dieser an sich christlichen Gruppe auch Hindus und Muslime befinden.
Schon der erste Tanz mit dem Titel „Willkommen in Indien“ zeigte farbenfroh die Eleganz der jungen Leute. Es folgte die erste Lektion für unsere jungen Theaterspieler: die mimische Darstellung von Emotionen wie Ärger, Traurigkeit, Freude, hervorragend ausgeführt von den beiden jungen „Schüsseltänzerinnen“. Nach dem oben schon erwähnten Schüsseltanz waren dann unsere Schüler an der Reihe: In mehreren Gruppen lernten sie in einer halbstündigen Lektion verschiedene Bewegungsfolgen, die sie anschließend auf der Bühne den jeweils anderen Gruppen vorführten. Heraus kamen durchaus sehenswerte Darbietungen, ich als Betrachter war jedenfalls sehr angetan, was man in der kurzen Zeit in der Lage ist, einzustudieren. Nebenbei konnte in der praktischen Übung jeder merken, welch enorme Körperbeherrschung vonnöten ist, um den gesamten Körper von den Füßen bis in die Fingerspitzen so zu koordinieren, dass es halbwegs elegant aussieht. Umso größer war sicherlich hinterher die Bewunderung für die indischen Gäste, die diese Bewegungen in Perfektion beherrschen. Auch wie man mit einer Art Metalltopf, auf dem sich noch Blumenschmuck befindet, auf dem Kopf tanzen kann, ohne dass dieser herunterfällt, dürfte all denjenigen schleierhaft sein, die es hinterher einmal versuchen durften, dieses Gerät auf dem Kopf zu balancieren.
Dass die Akteure auch westliche Tänze beherrschen, bewiesen wiederum die beiden Youngster mit einer fetzigen Boogie-Woogie-Vorführung in eleganten feurig-roten Kleidern, von der sich auch alle Zuschauer/innen mitreißen ließen. Einen Einblick in das indische Leben zeigten dagegen die Vorführung der Gesamtgruppe, die das nicht immer einfache Dasein indischer Hausangestellter darstellte, sowie die von dem einzigen männlichen Tänzer eindrucksvoll verkörperte Schlange.
Der Schlussapplaus nach der letzten Vorführung kann als ein deutliches Zeichen dafür gelten, dass diese besondere Veranstaltung den Schülerinnen und Schülern gut gefallen hat. Nicht nur, dass die Teilnehmer/innen einen Einblick in eine für uns recht fremde Kultur gewinnen konnten, auch haben sie mit Sicherheit etwas mitnehmen können für ihre jeweilige AG, denn sowohl durch das Zusehen als auch und vor allem das Selbermachen hat bestimmt der ein oder andere einen neuen Blick auf die Möglichkeiten der eigenen Körpersprache und –beherrschung bekommen, was ihm sowohl beim Tanz als auch beim Theaterspiel zugute kommen kann.
Ein großer Dank geht an dieser Stelle an die indische Gruppe für ihre Bereitschaft, für uns eine ganz besondere AG-Stunde zu gestalten, an den Organisator Herrn Perger sowie alle teilnehmenden Schülerinnen und Schüler der beteiligten AGs für ihre große Aufmerksamkeit und ihre Bereitschaft zum Mitmachen. Ich hoffe und denke, dass dieser Nachmittag den meisten, wie auch mir, noch länger in guter Erinnerung bleiben wird.
Hartmut von Boetticher