Mauricio Kagel: Variété
Concert-Spectacle für Artisten und Musiker
23.4.10
Mauricio Kagel? Ist das nicht ganz moderne Musik? Musik, die nicht ins Ohr geht, der man nicht zuhören kann? So dachten vielleicht manche, die Kagel noch nie gehört hatten, und blieben zu Hause. Deshalb erreichte der Besuch nicht die großen Zahlen des Musikabends oder so mancher Literaturkurs-Aufführung. Diejenigen, die zu Hause geblieben waren, verpassten einen großartigen Musik-Theater-Abend. Das e-mex ensemble war für die musikalische Seite zuständig. Es wurde 1999 von sechs jungen Musikern aus dem Ruhrgebiet und Köln gegründet und hat sich in der Szene schnell einen hervorragenden Ruf erworben. Es entwickelt eigene Konzertreihen, wird mit vielen Uraufführungen betraut und ist bei zahlreichen Festivals in Europa, USA und Japan aufgetreten. Die Musiker Joachim Striepens (Klarinette, Bassklarinette, Altsaxophon), Sebastian Schärr (Trompete), Burkart Zeller (Violoncello), Christina Taczyk (Akkordeon), Martin von der Heydt (Klavier, elektrische Orgel) und Norbert Krämer (Schlagzeug) spielten unter der Leitung von Christoph Maria Wagner die Kagelsche Komposition mit ungewöhnlichen Akkorden und überraschenden Rhythmuswechseln höchst professionell, so dass niemanden wunderte, dass sie im vergangenen Jahr in der Kölner Philharmonie aufgetreten waren.
Das Ensemble beim Schlussapplaus; Klick auf das Bild und es wird groß!
Das Ensemble wollte eigentlich mit professionellen Tänzern in Kerpen auftreten. Das hatte sich nicht realisieren lassen, so dass man beim Musiklehrer Herbert Vietor anfragte, ob die Schule bereit wäre, Schüler für dieses Projekt zu gewinnen. Der Kontakt zum Sportlehrer Chris Lang, der unter anderem Akrobatik studiert hatte, war schnell hergestellt. 12 Mädchen aus dem Sportkurs mit Schwerpunkt Tanz, studierten den Theaterpart ein: Anna Chanin, Sandra Vocke, Anna Schiffer, Diana Kulik, Meike Hahn, Bianca Steinert, Martha Fischer, Larissa Robens, Katharina Dück, Theresa Grönewald, Jennifer Köllen, Adriana Wolf. Als besonderer Gast trat am Schluss Chris Lang auf mit einer "Devil Sticks" genannten Jongleur-Nummer - ein äußerst metaphorischer Effekt: ein diabolischer Mann inmitten von nymphenhaften Mädchen. Kagel parodiert Situationen, Arbeitsabläufe und Umgangsweisen, wie sie dem Theaterbetrieb und dem Zirkus eigen sind. Dabei wird die Vorgehensweise des konventionellen Variétés umgekehrt: Ergibt sich dort das musikalische „Programm“ eher zufällig aus der Aneinanderreihung von szenischen Attraktionen, so ist hier die Reihenfolge der Musiksätze festgelegt und stellt die Ausführenden vor die Aufgabe, ein Variété-Programm nach musikalischen Gesichtspunkten zu „komponieren“.
Mauricio Kagel gehört zu den weltweit bekanntesten und wichtigsten Vertretern der Neuen Musik. Er wurde 1931 in Buenos Aires geboren, lebte ab 1957 in Köln und wurde 1974 Professor für Neues Musiktheater an der Kölner Musikhochschule. Kagel war nicht nur Komponist, sondern verfasste ebenfalls Hörspiele, Theaterstücke und drehte Filme. Eine Konstante seines Schaffens ist die – oftmals humorvoll oder sarkastisch formulierte – Kritik an den erstarrten und ritualisierten Formen des Konzertbetriebs. Er starb 2008 in Köln.
Inszenierung, Ausstattung und Kostüme lagen in den Händen von Violetta von der Heydt, die musikalische Leitung hatte Christoph Maria Wagner. Das wunderbare Licht, der Bühnenaufbau und vor allem die zauberhafte Schattenwand schufen Cora Mathern und Peter Schultes.
Bernd Woidtke