Wo Schneegeier über der Steppe segeln

VON HORST KOMUTH, 27.01.08, 19:42h

 

Erftstadt-Gymnich - Diese Erlebnisse, diese Bilder wird er so schnell nicht vergessen. Wenn Konrad Schleicher an die letzten anderthalb Jahre zurückdenkt, sieht er vor seinem geistigen Auge die unendlich weite, einsame Landschaft der Mongolei. Er sieht die Steppe, die er mit Jeep und Pferd erkundete, erinnert sich an die vielen gastfreundlichen Einheimischen, die kalten Winterabende bei minus 40 Grad. Er erinnert sich auch an schier endlos blühende Wiesen im kurzen, heißen Sommer des asiatischen Flächenstaates.

 

Der 31-jährige Gymnicher, der zusammen mit seiner Frau Andrea Strauss (30) so viele Monate in dem Hochgebirgsstaat zwischen Russland und China verbrachte, kann viel berichten von Land und Leuten, Sitten und Traditionen. Doch die beiden Deutschen reisten aus wissenschaftlichen Gründen nach Asien. Nach einem Studium in Landschaftsökologie und Naturschutz, das beide in Greifswald absolviert hatten, bewarb sich Andrea Strauss beim Deutschen Entwicklungs-Dienst um eine Stelle, wo ihr ein Auftrag in der Mongolei angeboten wurde. Konrad Schleicher entschied sich, mitzukommen.

 

Im Winter hat es dann schon mal - 40 Grad!

 

Während seine Frau in dem fernen Land eine Diplomarbeit über die Vegetation schrieb und als Entwicklungshelferin mit der Nationalparkverwaltung zusammenarbeitete, absolvierte der Gymnicher ein Praktikum im Auftrag der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit. Dabei sollte er zwei Studien leiten. „Ich musste Daten sammeln und einen Bericht schreiben über die Konflikte zwischen Naturschutz, Tourismus und den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung, die in zwei Schutzgebieten im Gebirge lebt. Zum anderen sollte ich Möglichkeiten für einen sanften Tourismus ausloten.“ Das höre sich einfacher an, als getan. Denn immer mehr Reisefreunde wollten das Land kennenlernen. „Welche Straßen sollten ausgebaut werden, wie ist das Müllproblem in den Griff zu bekommen? Und wo sollten Camps für Besucher entstehen, lauten einige der Fragen, die beantwortet werden müssen.“ Vor allem aber müsse ein Tourismuskonzept entwickelt werden, damit die Kultur des mongolischen Nomadentums unbeschadet bleibe.

 

Bevor Schleicher seinen Bericht verfasste, sammelte er möglichst viel Daten, fragte Einheimische und Besucher nach ihren Wünschen. Das Ergebnis seiner Recherchen ist zusammengefasst in einem 30-seitigen Bericht. Er liegt in deutscher und mongolischer Sprache vor. Die meisten Reiseunternehmen und Ranger in den Nationalparks haben Exemplare davon.

 

Der Landschaftsökologe war aber nicht nur mit dem wissenschaftlichen Projekt beschäftigt. Er nutzte die Zeit auch, um die Natur zu erkunden. Als Tourismusführer leitete er mehrwöchige Kanutouren auf dem Orchonfluss. Die größte Freude machte dem Naturliebhaber das Beobachten seltener Vogelarten. In Zusammenarbeit mit den Nationalparks fing er Vögel, die beringt und vermessen wurden. An bestimmten Stellen galt es, Wasservögel zu zählen und Standorte von Greifvogelkästen auf einer Karte zu erfassen. „Darüber schreibe ich gerade einen wissenschaftlichen Beitrag für ein englisches Fachmagazin.“

 

Besonders beeindruckt haben Schleicher die Schneegeier, die mit ihren großen Flügeln erhaben über der Weite der Steppe schwebten. Nicht zu vergessen auch die Weißrückenspechte. „Die bekommt man recht selten zu sehen. Ich hatte das wahnsinnige Glück, die Tiere dabei zu beobachten, wie sie an aufgebrochenen Knochen das Mark herauspickten. Das konnte ich fotografisch dokumentieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das so noch niemandem zuvor gelungen ist.“

 

Über seine Erfahrungen in Nationalparks der Mongolei wird Konrad Schleicher in einem Vortrag mit Diaschau berichten. Der Naturschutzbund lädt dazu für Mittwoch, 6. Februar, 20 Uhr, ins Umweltzentrum Friesheimer Busch ein.


Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, Rhein-Erft-Lokalteil, 28.1.08