Kunst in der Oberstufe

 

 

 

Das Fach Kunst in der gymnasialen Oberstufe, welches sich in diesem Rahmen auf den fachlichen Schwerpunkt der Bildenden Kunst reduzieren lässt, beschäftigt sich mit der Herstellung (Produktion) und Aufnahme (Rezeption) von künstlerischen "Bildern", aber auch mit der Reflexion über das Medium "Bildsprache".

 

Das klingt zunächst einmal sehr kompliziert, bedeutet aber nichts anderes, als dass im Unterricht sowohl das künstlerische Tun (Praxis) als auch die theoretischen Grundlagen und Hintergründe dazu (Theorie) vermittelt und erarbeitet werden.

 

Auch das Fach Kunst beinhaltet in der Oberstufe Wissenschaftspropädeutik, d.h. Vorbereitung auf ein wissenschaftliches Studium, und zwar nicht nur im Sinne einer fachspezifischen Methodik und Wissenserweiterung, sondern auch im Sinne einer vertieften Allgemeinbildung. So zielen die Kursthemenangebote durchweg auf fachübergreifende Fragestellungen, in denen Probleme z.B. der Politik, Gesellschaftslehre, Wirtschaft, Mathematik, Philosophie, Literatur, Geschichte etc. berührt werden.

 

Die Reflexion des künstlerischen Tuns verlangt nach mündlicher und schriftlicher Versprachlichung und vollzieht sich im Rückbezug zur Theorie, in der z.B. kunsthistorische Fragestellungen entwickelt werden. So kann zwar auch die Analyse eines Bildwerks durch praktisches Tun (Skizzen, Detailvergrößerungen, Farbstudien etc.) unterstützt und geleitet werden, bedarf aber hauptsächlich einer sprachlichen Fassung und vermittelt somit wieder eine wissenschaftspropädeutische Grundbildung. In diesem Punkt ist das Fach Kunst in der Vermittlung von Kenntnissen, Fertigkeiten und Analysemethoden und -ansätzen durchaus mit dem Fach Deutsch vergleichbar, welches sich hauptsächlich mit sprachlichen Kunstwerken auseinandersetzt.

 

Im Unterricht wird besonders Wert gelegt auf die Förderung der Selbständigkeit bei der Lösung von Problemstellungen, so dass ein problem- und prozessbezogenes Denken und Arbeiten angestrebt wird, das weniger auf ein gutes Ergebnis ("Kunstwerk") zielt als vielmehr den Weg zum Ziel erklärt. Das heißt also: Für die im Unterricht vermittelten bildnerischen (malerisch, grafisch, plastisch, medial, verschiedene Techniken, Verfahren und Materialien) und analytischen (Bilder, Plastiken, Architektur etc.) Fähigkeiten und Kenntnisse muss man keine spezielle künstlerische "Begabung" oder gar "Genialität" mitbringen, sondern lediglich die Bereitschaft, sich offen und vorurteilsfrei mit fremden künstlerischen Entwürfen auseinanderzusetzen und die je eigene Kreativität und Ausdrucksmöglichkeiten einzubringen.

 

Konkret sieht der Lehrplan in der Oberstufe in etwa so aus:

 

In der Jahrgangsstufe 11 gibt es zunächst einmal eine Einführung in die Grundlagen des Faches. Bilder als Gestaltungsvorgänge stehen hier thematisch im Vordergrund. So geht es u.a. nicht nur darum, Fläche, Körper, Raum, Farbe, Linie etc. als Gestaltungsmittel zu verstehen und gestalterisch einzusetzen, sondern auch eigene und fremde Bilder auf der Grundlage verschiedener Interpretationsmethoden systematisch zu entschlüsseln und das dazu erforderliche Fachvokabular kennen zu lernen.

Um sich ein komplexeres Bildwerk als Beziehungsgefüge verschiedener gestalterischer Entscheidungen zu verdeutlichen, wird z.B. unterstützend zur Theorie als erste praktische Arbeit manchmal die Umarbeitung eines Kunstwerks vorgenommen.

Beispiel:

 

   Edward Hopper: Sommerabend

 

 

  Neue Farbgestaltung (Schülerarbeit)

 

 

 

  Neue Komposition, Farbgestaltung etc. (Schülerarbeit)

 

 

Oder man entwirft, ausgehend von Beispielen aus der Kunstgeschichte, eine Décollage (Übung zur Farb-Form-Komposition):

 

 

 

 

In 12.1 werden die in der 11 erworbenen Fertigkeiten und Fähigkeiten weiter vertieft. Beispielsweise steht nun aber das Thema "Bilder und Bilderwelten in gesellschaftlichen Zusammenhängen" im Vordergrund. So könnte man z,B. "Die Funktion der Kunst im Wandel der Zeit" oder "Die Darstellung von Zeit im Bild" untersuchen und dabei geschichtlich bedingte Form- und Motivzusammenhänge oder kunstgeschichtliche Phasen kennen lernen und diese im Zusammenhang mit Bildinterpretationen anwenden.

 

Beispiele praktischer Arbeiten:

 

 

Kinderbildnisse (Raumillusionismus im Barock), Telefonhörer und linke Hand des Kindes sind plastisch gestaltet

 

 

 

Moderne Neufassung eines Grimm-Märchens (Bildergeschichte, Fotoroman)

 

 

Für die 12.2 schreibt unser schulinterner Lehrplan "Plastisches Arbeiten" vor. Anhand dieser Thematik werden u.a. Konzeptionen bildnerischer Gestaltung (realistisch, phantastisch, expressiv, idealistisch) entwickelt, erprobt und gezielt verwirklicht.

 

Beispiele:

 

 

  Selbstdarstellung

 

 

  Übervoluminöse Personen treiben Sport

 

  Abstrahierter Tierschädel (Speckstein)

 

 

In der Jahrgangsstufe 13.1 und 13.2 könnten jetzt "Bildnerische Gestaltungen als Zeugnisse einzelner Persönlichkeiten" und/oder "Bilder in ihren gesellschaftlichen Kontexten stehen.

 

 

  Alltagsgegenstände im Zustand ihres Gebrauchs (Pop Art)

 

 

Selbstverständlich muss der Lehrplan - abgesehen von Jahrgangsstufe 11 und 12,2 - die hier vorgestellte Reihenfolge nicht einhalten, sondern kann die Aufeinanderfolge der Lernaspekte variieren. Die Lernaspekte sind aufeinander bezogen und dürfen nicht isoliert betrachtet oder behandelt werden. Kunst ist sowohl als 3. Abiturfach (Klausur) als auch als 4. Abiturfach möglich (mündliche Prüfung). Wählt man im Hinblick auf das Abitur Kunst als schriftliches Fach, so schreibt man in 11.1 eine Klausur und in den jeweils folgenden Kurshalbjahren zwei. Jeweils eine Klausur stellt ein theoretisches Thema (Bildanalyse) und jeweils eine ein praktisches.

 

Cornelia van Ginkel