Lernen ohne Lehrer
Ein Schulexperiment in der Schweiz
© Tages-Anzeiger; 28.05.2005; Seite 22
Zürich
Schule ohne Lehrer: Experiment gelungen, Spareffekt gering
Wegen des Spardrucks hat die Kantonsschule in Wetzikon drei Klassen ein halbes Jahr ohne Unterricht lernen lassen. Der Versuch war erfolgreich, aber gespart wurde nur wenig.
Von Daniel Schneebeli
Wetzikon. - Die Idee war bestechend und erregte mediales Aufsehen in der ganzen Schweiz. Um die kantonalen Sparvorgaben zu erreichen, beschloss die Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) in Wetzikon - neben diversen anderen Massnahmen -, drei fünfte Klassen ein Semester lang ohne den traditionellen Schulunterricht lernen zu lassen. In den Fächern Deutsch, Mathematik, Französisch, Englisch, Sport und einem Schwerpunktfach (Griechisch, Latein und Physik) erhielten die Schülerinnen und Schüler einen Auftrag mit Aufgaben und Lernzielen, die sie zwischen Sommer- und Winterferien lösen mussten. Die Lehrer begleiteten die Schüler in wöchentlichen Sprechstunden. Dazu kamen persönliche Kontakte mit den Einzelnen. Hin und wieder wurden Lernkontrollen durchgeführt, dazu gab es Quartals- und Semesterprüfungen.
Selbstwertgefühl gestärkt
Das Selbstlernsemester (SLS) wurde vom Institut für Politikstudien Interface in Luzern evaluiert und von der Universität Zürich pädagogisch-didaktisch begleitet. Die Auswertungen sind inzwischen abgeschlossen und stellen den Beteiligten ein gutes Zeugnis aus. In fast allen Fächern erreichten die Schülerinnen und Schüler die Lernziele ebenso gut wie im normalen Unterricht. Ausnahme ist der Sport. Dort hat die Motivation im Laufe des Semesters deutlich nachgelassen. Die überwiegende Mehrheit hat auch die «überfachlichen Lernziele» erreicht. Die am Experiment beteiligten Lehrpersonen attestieren den Schülern, sie hätten gelernt, eigene Lernwege zu finden. Besonders in den Fremdsprachen hätten die Schülerinnen und Schüler grosse Mengen an Text gelesen und daraus eigene Fragen entwickelt. Die Befragung der Schüler zeigte, dass ihr Selbstwertgefühl deutlich gestärkt wurde. Für die Lehrerinnen und Lehrer stand nicht wie gewohnt die Wissensvermittlung im Zentrum, sondern die Begleitung und Beratung. Dieser Rollenwechsel fiel nicht allen ganz leicht, wie Rektor Dieter Schindler erklärt.
Dennoch will die KZO den Versuch zwei Jahre weiterführen und auf alle zehn
fünften Klassen ausweiten. Am Mittwoch hat der Bildungsrat diesem Begehren
zugestimmt. Längere selbstständige Lernphasen gehörten zu den Zielen der
Maturitätsausbildung. Im Hinblick auf ein Hochschulstudium sei diese Lerntechnik
unabdingbar, schreibt der Bildungsrat. Dieter Schindler zeigte sich hoch erfreut
über diesen Entscheid: «Damit erkennt der Bildungsrat unsere Arbeit an.»
38 000 Franken gespart
Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Der Spareffekt
ist bescheiden. Der Kanton forderte im Rahmen des Sanierungsprogramms 04 von der
KZO einen Sparbeitrag von jährlich 900 000 Franken. Das entspricht rund 7
Prozent des 20-Millionen-Budgets. Mit dem SLS sparte die Schule aber nur 38 000
Franken. Der Aufwand der Entwicklungsarbeit und der Betreuung war laut den
Evaluatoren beträchtlich. Wenn das Selbstlernsemester in den nächsten zwei
Jahren auf zehn Klassen ausgedehnt wird, rechnet die KZO mit einem Spareffekt
von jährlich 150 000 Franken.
Die Sparvorgaben des Kantons wird die KZO dennoch erreichen, wie Rektor Dieter
Schindler erklärt - mit einem Abbau des Angebots. Es werden zum Beispiel
Halbklassenstunden aufgehoben, das Freifachangebot wird halbiert, und statt zwei
Projektwochen gibt es im Jahr nur noch eine.