Anna und Tyranna

7.11.11

 

Zerstörerisch, eklig und brutal: Die Kanadierin Lesley Fairfield zeichnet die Krankheit Magersucht so, wie sie ist

VON HARTMUT EL KURDI, Aus: DIE ZEIT, Nr. 45, 3.11.2011

 

Wäre das Buch Du musst dünn sein der kanadischen Autorin Lesley Fairfield ein Musikstück, dann wäre es ein kurzer, direkt ins Herz oder in die Magengrube treffender Punkrock-Song. Und das nicht etwa, weil das Buch absichtlich schmutzig oder abgerockt daherkommt, sondern weil es sich auf das Nötigste beschränkt – wie ein guter Song: drei Akkorde, eine nicht zu komplizierte Melodie und ein »echter«, ehrlicher Text, der von Dingen erzählt, die der Person am Mikro offensichtlich am Herzen  liegen. 

 

 

Selbstverständlich sollte jedem Autor seine jeweilige Geschichte wichtig sein, aber es gibt Bücher, die gehen darüber hinaus. Sie haben fast etwas von einem Tagebuch, also etwas sehr Intimes. Sie schildern ziemlich ungefiltert ein Problem oder Ereignis aus dem Leben des Schreibenden. Nicht immer sind solche Bücher gut. Manchmal fehlt die Distanz, um das Problem genauer zu betrachten, manchmal die Ehrlichkeit, um tatsächlich von allem zu berichten, und manchmal sind solche Bücher egozentrisch, wichtigtuerisch und dadurch peinlich. Du musst dünn sein hat keinen dieser Makel. Von der ersten Seite an besitzt die Geschichte eine authentische, aber dabei seltsam klare und sachliche Wucht, die einen fast dazu zwingt, es in einem Schwung durchzulesen. Vor allem weil man spürt, dass hier nicht geschummelt, sondern der Koffer ganz auspackt wird. Lesley Fairfield sagte in einem Interview: »Die Idee zu dem Buch hatte ich schon vor vielen Jahren, als ich selbst wegen Magersucht in Behandlung war.« Mehr als 30 Jahre hat die Autorin mit ihrer Essstörung gekämpft.

 

Die Hauptfigur des Buches trägt aber nicht den Namen der Autorin, sondern heißt Anna, wohl weil der lateinische Name der Magersucht Anorexia nervosa ist und manche Magersüchtige deswegen ihre Krankheit und sich selbst »Ana« nennen. Die Anna der Geschichte bemerkt eines Tages, dass ihr Körper sich verändert. Ganz normal, wenn man in die Pubertät kommt, aber Anna will diese Veränderung nicht. Sie kommt sich zu dick vor. Zu weiblich. Zu erwachsen. Sie will ihren jüngeren, kindlicheren Körper wiederhaben, und so macht sie ihre erste Diät – und hat damit Erfolg. Mit diesem Erfolg beginnt allerdings auch der Teufelskreis: Diäten, abnehmen, zunehmen, hungern, Fressattacken, kotzen, Abführmittel schlucken, Durchfall, Krankheit, Lügen, Trennungen, Erschöpfung, der Tod von Freundinnen ...

Lesley Fairfield verschweigt und schönt nichts. Die Krankheit wird in allen Details so dargestellt, wie sie ist: grausam, zerstörerisch, eklig, mitleiderregend, brutal. Und dennoch versteht man, was Anna antreibt, weil man immer wieder durch ihre Magersucht-Brille sieht: mit ihrem kranken, durch die Sucht verzerrten Blickwinkel auf sich. Und Anna stellt ihr »Hunger-Ich« vor: Tyranna, ein dürres, skelett artiges Wesen, das Annas Leben kontrolliert, indem es ihr verspricht: »Ich mach dich dünn!« Selbstverständlich ist Tyranna keine böse Macht von außen, kein Dämon, sondern ein Teil von Anna. Und ebenso selbstverständlich ist, dass die Geschichte erst dann eine gute Wendung nehmen kann, als Anna kapiert, dass sie sich von Tyranna und damit von einem Teil ihrer Persönlichkeit verabschieden muss.

 

Das Ungewöhnliche und Besondere dieses Buches ist – neben der Ehrlichkeit und der spürbaren Betroffenheit der Autorin – die Form, in der die Geschichte erzählt wird. Du musst dünn sein ist ein Comic oder, um genau zu sein: eine Graphic Novel, was so viel heißt wie »gezeichneter Roman«. Sicherlich hat die Entscheidung für die Form zuallererst damit zu tun, dass die Autorin von Beruf Illustratorin ist. Dazu kommt aber, dass die Zeichnungen dieser Geschichte viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten bieten als ein herkömmlicher, nur mit Sprache arbeitender Roman. Lesley Fairfield formuliert das selbst ziemlich einleuchtend:  »Da es bei der Magersucht immer ums Aussehen, das Image, das Bild geht, ist die Graphic Novel die perfekte Form, um davon zu erzählen.«

 

Der Stil ihrer Zeichnungen ist schlicht, klar, verständlich, fast naiv – und damit wahrscheinlich aussagekräftiger und schockierender, als wenn sie eine künstlerisch raffiniertere oder auffälligere Technik gewählt hätte. Alles konzentriert sich auf Annas Story. Dabei ist Lesley Fairfield durchaus detailversessen und verspielt. Es gibt Bilder im Bild, kleine Kommentarzeichnungen, Traumbilder. Nur keine Farbe. Die Geschichte ist schwarzweiß. Nichts soll ablenken von dem, was wichtig ist.

 

Und das gelingt. Natürlich kann dieses Buch allein niemanden retten und aus der Magersucht herausholen. Das wäre zu viel verlangt von Literatur. Vielleicht aber kann es für jemandem, der am Anfang einer solchen Hunger-Karriere steht, ein Anstoß sein, sich doch in Behandlung zu begeben. Oder es kann wenigstens die anderen, die nicht von der Krankheit betroffen sind, verstehen lassen, was passiert, wenn eine Tyranna die Kontrolle über ein Leben gewinnt. Und da dieses Buch tatsächlich mehr ist als ein Stück Selbsthilfeliteratur – wogegen auch nichts zu sagen wäre –, ahnt man auch, dass eine Tyranna nicht immer nur Schlankheit versprechen muss. Vielleicht verspricht sie jemand anderem Erfolg, Geld, Macht, Liebe ...

 

Letztlich sind die Mechanismen der Abhängigkeit und des Selbstbetruges immer ähnlich.

 

Lesley Fairfield:

Du musst dünn sein.

Anna, Tyranna und der Kampf ums Essen

Deutsch von Michael Schmidt;

Patmos Verlag 2011; 12,90 Euro