Das Wort zum Montag
11.2.2008
Betrachte das Bild für ein paar Minuten. Was fällt Dir auf? Wir wirkt es auf Dich?
Vermutlich gehen Dir nun Gedanken wie diese durch den Kopf:
Ich sehe einen Gewehrlauf, der stets auf Krieg und Ermordung, also bestimmt was mit Terrorismus verdeutlichen will. Ja dann dieser schwarze Umhang, Tschador nennt man das doch?, steht für Fundamentalismus. Die Schriftzeichen übersähen das Gesicht und lassen nur die Augen der Frau frei. Die Schrift ist arabisch und zeigt sicherlich eine Stelle aus dem Koran, womit „die“ immer ihre Kriege begründen.
Kann man das tatsächlich aus diesem Bild herausfiltern und als Quintessenz unterm Strich so stehen lassen? Wird man damit dem Bild gerecht? Wird man damit der Bildautorin gerecht?
Die von uns oft im Zuge von Vorurteilen und Halbwissen gespeisten Aussagen und die darin impliziten Wertungen basieren bei der Decodierung (Entschlüsselung) von Bildern auf dem Alltagswissen unserer Kultur. Bilder von anderen Kulturen können wir nur aus unserem Blickwinkel heraus wahrnehmen und umgekehrt.
Daher stelle ich Euch hier ein Frontaleinzelbildnis als Fotografie der zeitgenössischen Künstlerin Shirin Neshat vor. Sie wurde 1957 im Iran geboren und ist im Alter von 17Jahren nach Amerika für ein Studium gegangen. 1990 kehrte sie für einen Besuch in den Iran zurück und war tief bewegt von dem Wandel ihrer einstigen Heimat. Nach der 1979 von Khomeini ausgerufenen islamischen Revolution und dem Ersten Golfkrieg (1980-1988) konnte sie ihr Land nicht mehr wieder erkennen.
„Shirin Neshat, die aus der Perspektive zweier sehr voneinander abweichender kultureller Hintergründe arbeitet, fokussiert in ihren Projekten den visuellen Diskurs auf gesellschaftliche Entwicklungen im zeitgenössischen Islam bzw. konkret auf iranische Verhältnisse. Obwohl sie die kulturspezifischen Phänomene explizit herausarbeitet, gelingt es ihr sehr subtil, den Tenor einer universelleren Sprache anzustimmen und nicht nur ein differenziertes Bild über ihr Herkunftsland zu vermitteln, sondern auch einen aufschlussreichen Einblick in die Verfasstheit der "westlichen" Wahrnehmung anzustoßen. Die Frage nach der Herangehensweise in ihrer Arbeit beantwortet sie folgendermaßen: "Es ist für mich unabdingbar, ein Thema von innen heraus darzustellen, um etwas Reines zu schaffen und nicht dem Druck von Parallelen zwischen zwei Kulturen zu erliegen."“
(http://universes-in-universe.org/deu/islamic_world/articles/2005/neshat, 05.02.2008).
Die hier gezeigte Fotografie trägt den Titel „Rebellisches Schweigen“ und ist 1994 entstanden. Wenn Du mehr über die Künstlerin Shirin Neshat erfahren und sehen möchtest, dann nutze die Dir bekannten Internetsuchmaschinen oder schau Dir ihre künstlerischen Videos auf youtube an.
Eure
Frau Loffredo