Nicaragua
Impressionen von Tabea Perger
1.11.09
Tabea Perger war zusammen mit Miriam Schupke in den Herbstferien in Nicaragua. Miriams Bericht könnt ihr hier lesen. Tabea hat ihre Reiseeindrücke, ihre Gefühle und Erinnerungen an frühere Reisen in diesen eindrucksvollen Text einfließen lassen. B.W.
Ungelenk schwinge ich mich auf die Ladefläche des alten Jeeps von Padre Alejandro. Die Uhr zeigt erst neun Uhr, aber die Sonne präsentiert schon jeden einzelnen ihrer Strahlen mit einer Arroganz, als gäbe es kein morgen. Während hinter mir das Gedränge um eine möglichst komfortable Position beginnt, stelle ich mich ans Fahrerhäuschen, den Blick nach vorne gerichtet. Ich versuche, meine Augen so weit wie möglich zu öffnen, doch Wind, Sonne und Staub lassen mir nur schmale Sehschlitze. Die vielen Schlaglöcherlimitieren die Fahrtgeschwindigkeit zwar auf ca. 40km/h, doch für diesen eingeschränkten Blick rauscht alles viel zu schnell an mir vorbei.
Am liebsten würde ich abspringen, tief einatmen (auch wenn ich es wahrscheinlich sofort bereuen würde, da der Müll auf der Straße verbrannt wird) und alles genau betrachten: All die Pflanzen in ihrer ganzen Farbpracht; die vielen Tiere, von Hühnern und Schweinen über Geckos und Schlangen bis zu Kühen und Pferden; die großen Häuser und kleinen Hütten (es ist unglaublich: Selbst in den winzigsten, aus Wellblechstücken zusammen gebastelten Mini-Hütten, in denen es kein fließendes Wasser gibt, läuft den ganzen Tag der Fernseher!) und ebenso die Menschen, die sich draußen tummeln. Fast überall sitzt jemand, ob jung oder alt, allein, zu zweit oder in der Gruppe, an allen Ecken wird gespielt, gequatscht, betrachtet oder gedöst, als gäbe es nichts schöneres auf der Welt (aber gibt es das?).

Foto: Tabea Perger
Ich hänge noch meinen Gedanken nach, als der Jeep schon stoppt. Vor mir liegt der Pazifische Ozean. Nur ein schmaler Streifen schwarzer, glitzernder Sand trennen uns. Ich springe ab und teste die Wärme des Sandes, lasse mich von den Wellen an den Füßen kitzeln, suche den Himmel nach Wolken ab, schmecke das Salz in der Luft und lasse mir vom warmen Wind die Haare durchs Gesicht streichen. Doch viel Zeit bleibt mir nicht um den Moment zu genießen, denn schon stehen zwei junge Männer mit zerrissenen Jeans und schmutzigen T-Shirts stolz lächelnd vor ihrem kleinen Motorboot, bereit zur Abfahrt. Misstrauisch betrachte ich das morsche Holz, den benzinverschmierten Motor und die dünnen Arme der zwei Bootsmeister. Das schüchternd einladende Zahnlückenlächeln des „Kapitäns“ lässt mich schließlich doch ein Fünkchen Vertrauen fassen, an das ich mich klammere.
„Ein Loch, Mama, da ist ein Loch im Boden!“ Meine Mutter legt mir den Arm um und versucht es mit einem aufmunternden Lächeln. - Auf und Ab - Sanft versucht sie, mein Gesicht so zu drehen, dass ich nichts mehr sehe. - Auf und Ab - Aber nur Dunkelheit um mich, während ich die Wellen gegen das Holz platschen höre und langsam spüre, wie meine Füße nass werden? Nein! Dann lieber beobachten, wie das Wasser immer weiter durch das Loch schwappt. - Auf und Ab - Hämisch grinst es und streckt mir die Zunge raus. Dieses aufgeregte Geplapper in der fremden Sprache verunsichert mich. Ob die anderen Passagiere auch Angst haben? - Auf und Ab - Ich will versuchen, ihre Gesichtsausdrücke zu deuten. Ich drehe mich ein wenig und sehe sofort drei weitere Löcher. - Auf und Ab - In meinen Kopf dreht sich alles. Das Boot bewegt sich stur auf und ab. Aber es ist nicht dieses gemütliche Schaukeln, sondern mehr ein Schwipp-Schwapp-WUSCH, welches mein Magen, mit ein paar Sekunden Verzögerung, nachahmt. Wie durch einen Nebel beobachte ich, wie junge Frauen anfangen, hektisch das Wasser mit Besen wieder aus dem Boot zu befördern. Sie rufen sich Dinge zu, ihre Stimmen überschlagen sich fast. Ich bin nicht die einzige mit Angst.
Der kühle Fahrtwind wirkt geradezu vitalisierend. Das Wasser ist ganz ruhig, wir fliegen fast darüber hinweg. Mit Vorfreude beobachte ich, wie das Festland immer weiter schrumpft und sich ein fantastisches Panorama vor uns aufmacht: eine braun-rote Felslandschaft, von grünen Pflanzen gesprenkelt, küsst den weißen Sand. Gerahmt im schillernden Blau des Meeres.
Wir betreten die Insel, auf der keine Menschenseele lebt und ich bestaune die Schönheit der Natur. Doch der erste Blick hat gar nicht alles Faszinierende auffassen können: Dicht am Fuße der Felsen misst die Insel kaum mehr als 10m Breite. Dieses kurze Stück endet zur einen Seite in dem ruhigen Wasser, auf dem wir sicher hergekommen sind. Es liegt so still da, dass man meinen könnte, es sei ein überdimensional großer, blauer Sportplatz.
Auf der anderen Seite jedoch toben und tosen die Wellen mit ungeheurer Wucht!
Das laute Rauschen der Wellen wirkt fast hypnotisierend. Das Wasser schleudert gegen das Gestein und fliegt, zersplittert in 1000 kleine Tröpfchen, in die Höhe. Der Seegang bäumt sich auf, wächst gefährlich, beschleunigt rasch, um plötzlich zu kippen. Nun pirscht sich die Gischt langsam an, nähert sich heimlich, krabbelt immer schneller nach vorne, wächst und wächst, als sei sie ein gieriges, tollwütiges Monster.
Schon seit Beginn des Essens beobachten uns sechs dunkle Augenpaare von draußen. Es sind Kinder in meinem Alter, Kinder wie ich. Doch irgendwie ganz anders. Ihr Blicke zum Beispiel. Hungrige Blicke. Kaum legt der letzte am Tisch satt und zufrieden sein Besteck nieder, treten sie schüchtern, aber doch bestimmt ins Lokal. Jeder von ihnen ist ausgerüstet mit einer kleinen Plastiktüte. Flugs schieben sie den Reis, der von uns nicht aufgegessen wurde hinein. Ich meine, ein kurzes Lächeln zu sehen, als das zottelige Mädchen nach dem Rest Hähnchen vom Teller meines Bruders greift. Sie schauen uns nicht an. Ihre Blicke huschen über die Teller und flüchtig abschätzend über die Tüten der anderen. Eine zornige Männerstimme lässt mich den Kopf heben; der eben noch freundlich scherzende Wirt kommt mit erhobenem Lineal in unsere Richtung gestürmt. Ängstlich laufen die Kinder davon, die Arme schützend um ihre Schätze geklammert.
Überrascht schaue ich an mir hinunter. Eine besonders hohe Welle hat es tatsächlich geschafft, mich komplett nass zu spritzen! Langsam wende ich meinen Blick ab und drehe mich um. Ich betrachte das gleichmäßige Blau, das weit, weit hinten sanft mit dem Festland endet. Das wellenfreie Wasser strahlt eine unglaublich tiefe Ruhe aus, eine Gelassenheit, wie man sie hier häufig findet.
Das erste Training mit dem Zirkus. Das Herz pocht mir bis zum Hals, als wir auf die anderen treffen. Jeder ist so routiniert, weiß sofort, was zu tun ist, startet sogleich durch. Unbeholfen stehe ich in einer halbdunklen Ecke und versuche herauszufinden, welches Gerät die geringste Gefahr mit sich bringt. Die drei Mädchen, die ich von der ersten Vorstellung kenne, bitten mich freundlich, zur Seite zu treten - ich habe die Materialkiste versperrt. War ja klar, dass ich wieder im Weg rumstehen muss. Doch die Reaktion ist ein Lächeln. Eines der drei Mädchen reicht auch mir die Stöcke hinüber („Devil Stick“ ist ein unglaublich treffender Name für diese widerspenstigen Dinger!). „Tranquila“, sagt sie nur, immer noch lächelnd und das Eis ist gebrochen.
Meine trockene Kehle erinnert mich daran, dass der menschliche Geist an einen Körper gebunden ist. Ich wende mich zum Gehen, doch stoppe ich in der Bewegung. Da flattert tatsächlich unter strahlend blauem Himmel, genau zwischen tobenden Wellen und ruhiger See, zwischen Furcht und Frohsinn ein kleiner, knallgelber Schmetterling. So orientierungslos und verwirrt er auch sein mag, so bringt er mir doch die Botschaft des Glückes.
Tabea Perger