"Man erzieht die Leute zu Dauerlaberern"
29.1.11
Harald Martenstein über eine überschätzte Kulturtechnik
Ich
bin stolz auf meinen Sohn. Er erinnert mich an eine berühmte
historische Persönlichkeit, an Helmuth Graf von Moltke, den Chef des
preußischen Generalstabes im Deutsch-Französischen Krieg von
1870/71. Moltke trug den Spitznamen »der große Schweiger«. Er sprach
nicht gerne. In einer Besprechung des Generalstabes konnte es
passieren, dass er zwei Stunden schweigend dabeisaß. Irgendwann
stand Moltke auf, öffnete den Mund und sagte einen Satz, der in die
Geschichte einging, zum Beispiel: »Getrennt marschieren, vereint
schlagen.« Anschließend setzte er sich wieder und fuhr fort zu
schweigen. Der Krieg war ja jetzt praktisch gewonnen. Man musste
getrennt marschieren und vereint schlagen, mehr war es im Grunde
nicht. Einmal sollte Moltke vor dem erwartungsfroh angetretenen
Offizierskorps eine Grundsatzrede über die Monarchie halten. Diese
Rede war genial und kann hier vollständig abgedruckt werden, sie
lautete: »Meine Herren, der Kaiser – hurra, hurra, hurra!« Besser
konnte das Denken des Offizierskorps nicht ausgedrückt werden. Mein
Sohn ist aus exakt dem gleichen Holz geschnitzt. Die Bundeswehr wird
von seinem militärischen Genie aber nicht profitieren, denn er
gehört zu den ersten Jungs, die nicht mehr zur Bundeswehr müssen.
In der Schule hat mein Sohn aufgrund seines Wesens jahrelang schlechtere Noten bekommen, als er verdiente. Er schrieb in einem Fach zum Beispiel lauter Zweien und bekam am Ende eine Drei minus. Die sogenannte »mündliche Mitarbeit« wird nämlich seit einiger Zeit in der Notengebung mit 50 Prozent bewertet. Zu meiner Zeit spielte die »mündliche Mitarbeit« eine Rolle, wenn man zwischen zwei Noten auf der Kippe stand, man konnte sich von einer Drei bis Vier auf eine glatte Drei hochlabern, mehr nicht. Es gab in der Klasse ein schüchternes Mädchen, das in meiner gesamten Schulzeit nie auch nur ein einziges Wort gesagt hat, sie schrieb aber lauter Einsen und ist, glaube ich, heute eine erfolgreiche Anwältin. Die von unserem System diskriminierten schüchternen, zurückhaltenden oder zur Selbstdarstellung unbegabten Menschen können durchaus etwas leisten, sie sind oft recht intelligent. Sie sind nachdenklich. Bevor sie sprechen, denken sie nach, und wenn sie mit dem Denken fertig sind, ist es zu spät. Das ist ihr Problem.
Ich halte die »mündliche Mitarbeit« für einen Mythos, ihren Stellenwert für ein Zeitsymptom. Ob jemand den Stoff begriffen hat und anwenden kann, lässt sich in den Klassenarbeiten, und nur dort, halbwegs objektiv überprüfen. Mündlich meldet man sich, falls man etwas weiß; wenn man nichts weiß, meldet man sich nicht. Was man nicht weiß, kommt nur bei der Klassenarbeit heraus. Bei der »mündlichen Mitarbeit« kann man viel besser mogeln, etwa kurz den Nachbarn fragen oder ins Buch gucken, man kann auch bluffen – ich weiß, wovon ich rede. Man erzieht die Leute zu Dauerlaberern, zu Nervensägen und Ichdarstellern, die sollen alle ins Dschungelcamp.
Ich habe aber einen Ausweg gefunden. Mir ist aufgefallen, dass man zwar nachdenkliche Menschen problemlos diskriminieren darf, nicht aber Behinderte. Behinderte zu diskriminieren ist erfreulicherweise tabu. Man müsste also mit einem Musterprozess erreichen, dass ein nachdenkliches Wesen als Behinderung anerkannt wird, vielleicht kann das stille Mädchen aus meiner Schule den Fall durchfechten. Ihr Plädoyer wird lauten: »Nicht immer reden müssen, hurra, hurra, hurra!« Am Ende gibt es womöglich sogar Extraparkplätze für Nachdenkliche, genau wie für Frauen und Behinderte.
