Die Orestie

 

 

 

1.  bis 4. März 2007

 

4 Vorstellungen.

 

Preise: 3 € für Schüler   ***    5 € für Erwachsene.

 

Beginn jeweils: 19:00 h

 

 

  

Vorbemerkung

 

Wie alle Theaterstücke ist auch die Orestie ein Kunstwerk. Von daher muss man sich die Charakteristiken eines Kunstwerkes kurz klarmachen. Es gibt Tausende von Definitionen eines Kunstwerkes und keine ist komplett (auch ein Charakteristikum der Kunst).

 

Es muss mit dem Menschen zu tun haben.

Es muss seinem Stoff angemessen sein. (Tragödie / Komödie / Krimi …)

Es muss in der handwerklichen Machart die ersten beiden Kriterien ergänzen.

 

(Beispiele: Kreuzigung, Die Schöne und das Biest, Romeo und Julia, u.ä.)

 

In unserem Falle sind die beiden ersten Kriterien vorgegeben. Und Stoff wie Darstellung sind allererste Sahne (das Stück wird seit 2500 Jahren gespielt), es fehlen jetzt nur noch unsere Aufführungsidee und unser Spiel.

 

  

Das Orestie-Ensemble bei einer Proben-Besprechung

 

Kurze mythologische Vorgeschichte

 

Die Abstammung

 

Fast alle Beteiligten stammen von ZEUS ab.

   

Die Atriden

 

ATREUS,  THYSETES  sind Brüder und herrschen über 2 Königreiche in Griechenland

 

ATREUS hat 2 Söhne: AGAMEMNON und MENELAOS; beide heiraten zwei Schwestern, nämlich: KLYTAIMNESTRA und HELENA.

            

THYSETES, der andere Sohn, hat selbst einen Sohn: ÄGISTHOS

 

THYSETES verführte die Frau seines Bruders ATREUS und stahl das goldne Lamm. Dafür schlachtete ATREUS zwei andere Söhne seines Bruders THYSETES und setzte diese dem Vater zur Speise vor. Den Hass der Väter weiterführend, ermordete ÄGISTHOS seinen Onkel ATREUS und AGAMEMNON seinen Onkel THYSETES.

 

Als AGAMMEMNON mit seinem Bruder MENELAOS vor Troja kämpft, um HELENA zurückzuholen, zieht ÄGISTHOS zu KLYTAIMNESTRA die auch noch eine Rechnung mit ihrem Mann offen hat, da dieser um guten Wind nach Troja zu bekommen, die gemeinsame  Tochter IPHIGENIE geopfert hat.

 

Die überlebenden Kinder aus der Ehe AGAMEMNONS mit KLYTAIMNESTRA, der Sohn OREST (der in der Fremde aufwächst) und seine Schwester ELEKTRA stehen also vor einem familiären Scherbenhaufen. Es ist beim besten Willen nicht mehr zu entscheiden, wer hier mehr Schuld hat.

 

AGAMEMNON und seine Kinder OREST und ELEKTRA (In der Seitenlinie natürlich auch ÄGISTHOS) sind also Mitglieder einer der berühmtesten und berüchtigsten Familien der Kulturgeschichte, nämlich der ATRIDEN. Stammsitz der „ATRIDEN“ ist ARGOS in der Nähe von Mykene auf dem griechischen  Festland.

 

Auch die anderen Beteiligten sind auch keine unbedeutenden Helden/innen. Bei KLYTAIMNESTRA und ihrer Schwester HELENA weiß man, das sie die Töchter der LEDA sind, die als Geliebte von Zeus mehrere Kinder hatte, ob diese beiden von Zeus sind, ist unklar.

 

Der Kampf um Troja ist in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung kaum zu ermessen. Der Beginn mit dem Urteil des Paris und der Entführung Helenas, der in Homers Ilias beschrieben 10-jährige Krieg, sowie die Rückkehr der Sieger sind Meilensteine der abendländischen Kulturgeschichte. 

 

Der Held Odysseus braucht 10 Jahre und viele Abenteuer, um nach Hause zu kommen. – Die Odysse. Menelaos erleidet Schiffbruch und stirbt.

 

Die Rückkehr des griechischen Heerführers Agamemnon wird in der Orestie beschrieben. Man muss sich natürlich davon freimachen, die Geschichte als wahr zu nehmen. Der Stoff ist archaisch und gewaltig. Er beschreibt das Schicksal der Mächtigen, der die Zeit prägenden Menschen und erhebt sich über die Tagesbelange Einzelner. So ist auch jede Klage, jeder Entschluss zur Rache , zum Mord, aber auch zur Gnade und Vergebung exemplarisch, wenn nicht sogar belehrend. Es ist die Welt großer Gefühle und großer Taten, die der Dichter uns hier vorstellt. So wie Steven Spielberg und  Peter Jackson das heute in ihrem neuen Metier dem Film tun.

 

  

Die Geschichte selbst

  

1.Akt

 

Agamemnon kommt aus dem trojanischen Krieg nach Hause. Er selbst bringt als Geliebte und schönstes Beutestück die Seherin Kassandra mit, die älteste Tochter des Königs Priamos von Troja.Zu Hause steht es nicht zum Besten. Agamemnons Frau Klytämnestra hasst ihn noch wegen der Opferung Iphigeniens, und hat sich als Freund den ärgsten Feind Agamemnons, nämlich dessen Cousin Ägisthos angelacht. Agamemnon wird feierlich begrüßt, von Klytämnestra ins Haus gebeten und von ihr persönlich in der Badewanne mit einer Doppelaxt erschlagen. Für die Vorwürfe der Bürger von Argos haben Klytämnestra und ihr Liebhaber nur Spott übrig.

 

2.Akt

 

Der Sohn Orest, in der Ferne bei einem befreundeten König aufgewachsen, kommt nach Hause und hört, das die Mutter den Vater erschlagen hat. Zusammen mit seiner Schwester Elektra, die er am Grabhügel des Vaters trifft, beschließt Orest, die Mutter umzubringen um den Vater zu rächen. Er schleicht sich unter falschem Namen in den Palast, und ermordet die Mutter und ihren Freund Ägisthos. Nach der Tat wird er wahnsinnig und flieht vor den Rachegöttinnen, den Furien. Diese Furien sind alte Gottheiten, die den Mord innerhalb der Familie (hier Muttermord) gnadenlos bestrafen. Von diesen Furien gehetzt irrt Orest durch die Welt.

  

3.Akt

 

Orest sucht Hilfe in Delphi beim Orakel des Gottes Apollo, der ihm auferlegt hatte, den Vater zu rächen. Der Gott verweist ihn nach Athen, zum Heiligtum seiner Schwester Athene. Auch die Rachegöttinnen eilen in der Verfolgung nach Athen, wo es zu einem „Show-down“ aller Beteiligten kommt.  Athene beruft erstmals in der abendländischen Geschichte ein ziviles Gericht ein, und der Fall wird verhandelt. Orest wird freigesprochen. „ … durchschnitten sei der ewigen Rache wirres Band !“ Athene besänftigt die Rachegöttinnen und gewinnt sie als Schutzgöttinnen für ihre Stadt Athen.

 

 

Historische Bedeutung

 

Der Grieche Aischylos schrieb DIE ORESTIE vor ca. 2500 Jahren. Er greift darin ein Geschehen auf, das auch für ihn fast tausend Jahre zurückliegt, das aber im Bewusstsein  seiner Zeitgenossen sicherlich bis in die Einzelheiten präsent war.Von Christus, von einem monotheistischen Gott, oder gar von der Gewaltenteilung war noch keine Rede. DIE ORESTIE gehört mit zur Stadtgeschichte Athens, das sich damals gerade anschickte zur mächtigsten und wichtigsten Stadt des Altertum aufzuschwingen. In der Orestie wird einmal der Niedergang Kleinasiens durch den Fall von Troja, sowie die Weisheit der Schutzgöttin Athene und ihrer Bürger besungen. Dem ewigen Fortbestehen von Rache und Mord, dem ständigen Blutvergießen und dem Bürgerkrieg wird hier eine Alternative entgegengestellt. Da DIE ORESTIE das einzige fast komplett erhaltene Theaterstück der klassischen antiken Tragödie ist, kommt ihr besondere geistesgeschichtliche Bedeutung zu.

 

Unser modernes Rechtsverständnis, gerade im Bezug auf Schuld, Schuldfähigkeit und unabhängiger Gerichtsbarkeit, hat hier praktisch seine Geburtstunde.

 

  

Die Sprache

 

Es folgt hier kein altphilologischer Exkurs über Versmass und Reimtechnik, die in der ORESTIE zweifellos einen Höhepunkt erreicht, sondern eine kurze Beschreibung der von mir als Regisseur und Darsteller (Agamemnon) sowie den anderen Darstellern empfundenen Sprachwirklichkeit.

 

Zu Beginn der Proben waren wir nach erster Kenntnis der Story guten Willens und dachten: „Jetzt müssen wir nur noch auswendig lernen, und dann haben wir's sprachlich .“ Weit gefehlt ! Nach den ersten Wochen lernen und vorlesen überfiel uns die Furcht, „…das kann man weder lernen noch vortragen!“

  

Der Text verzeiht kein Schludern, keine Improvisation, nicht eine falsch gesetzte Atempause. Der Zuhörer ist dem Vortragenden, was Schultheater angeht, in noch nie gesehener Weise ausgeliefert. Wird auf der Bühne schlecht gesprochen, ist für den Zuschauer Schluss und Aus. Die eigentliche Arbeit begann erst nach dieser Erkenntnis, und ist jetzt, nach über einem ¾ Jahr Proben, noch nicht zu Ende.

 

Wie spricht man diesen Text ?!?

 

Neugierig auf den Text ? Bitte noch einen Moment Geduld.

 

Nun ist der griechische Originaltext in einem sehr komplizierten Versmaß gesetzt. Unser Übersetzer, der Altphilologe Johann Gustav Droysen übersetzte vor knapp 150 Jahren die Orestie mit dem Anspruch „Originalgetreu in Vers und Ausdruck“. Für diesen Anspruch ist unsere Textvorlage noch heute berüchtigt. An den großen deutschen Bühnen wird die Orestie ausschließlich in neueren, geglätteten Übersetzungen gespielt. Da die Theater –AG mit dem Aufwand, dem Geld und der Erfahrung der großen Bühnen nicht mithalten kann, nutzen wir den anderen großen Vorteil, wir haben den schönsten Text.

 

Welchen Lohn hat nun der Schauspieler und der Zuschauer, wenn er sich den oben genannten Schwierigkeiten des Textes stellt?

 

Schwer zu beschreiben!!!

 

Zuerst der Zuschauer:

 

Er hört und empfindet "Sprachgewalt", seltsame Wortschöpfungen und Sprachkombinationen in einem durchlaufenden Sprachrhythmus, der vielfach gebrochen und verändert sich durch das ganze Stück hindurch zieht, gleich einem großen Gesang. Wahrheiten, auf wenige Worte komprimiert, zwingen den Zuhörer zur inneren Teilnahme:

 

„Auf blutigen Hieb falle blutiger Hieb…“

„Wer tat muss leiden!“

„Wer unbeneidet, ist des Neides nimmer wert.“

„Denkt daran, dass Sklaverei und Aufstand Brüder sind.“

 

So geht es Strophe für Strophe und Vers über Vers.

 

Und weiter:

 

„...und rastlos weidet sich an Trauerklage mir das Herz.“

„Möchte es anders denn geahnt, möchte es ewig unerfüllt als ein Nichts im Nichts vergehn!“

 

DIE ORESTIE = EIN WELTGEDICHT

 

So übertitelt das Deutsche Theater in Berlin seine neueste Orestie-Inszenierung.

 

Der Zuschauer darf sich sich auf neue Erfahrungen des Hörens und Fühlens von Sprache freuen.

 

Für den Spieler:

 

Keiner will auch nur eine Zeile seines Textes missen. Bei jedem Sprechen - und die Texte werden hunderte Male gesprochen - wird der Text schöner und farbiger. Aber so ist das bei den großen Dichtungen. Goethe's "Faust“ wird bei jedem Lesen, aber vor allem beim jedem Vortragen schöner!

 

Auch die Erfahrung im Chor zu sprechen ist neu und spannend.

 

Apropos Chor:

 

Die zentrale Figur der antiken Tragödie ist der „Chor“. Für uns, die wir allesamt Laien sind, war der Begriff des „Chores“ in der Dramaturgie erst einmal ohne rechte Bedeutung. Auch in diesem Falle haben wir erst in den Proben gelernt, welche Bedeutung und Möglichkeiten hier stecken. Der Chor: „…mahnt, kritisiert, gibt Argumente und erzählt, er hat Angst und Mut, Trauer und Freude, kurz er spiegelt alles „Menschliche“!

 

Unser Dichter Aischylos ist übrigens er erste, der Dialoge systematisch als spannungssteigerndes Element in der Dramaturgie nutzte. Ihm ist die Erfindung des zweiten Schauspielers zu verdanken. Bis dahin sprach nur jeweils ein Schauspieler mit dem Chor. Was also für uns seit Jahrhunderten selbstverständlich ist, nahm damals seinen Anfang.

 

Aus einer neueren Besprechung der ORESTIE :

 

“Die Orestie“ ist nicht nur ein Gründungstext des Theaters, sondern auch der europäischen Demokratie. Wenn es heute jemand genau wissen will, was das für ein eigenartiges, fremd-vertrautes Ding ist, diese unsere Demokratie, dann ist es eben doch noch eine der besten aller Möglichkeiten, diesen fremd-vertrauten Text in einem Theater dargeboten zu bekommen."

 

Für das Ensemble, 

Werner Philippi