Brücke der Versöhnung

Februar 2006 

 

Simon Perger, Abitur 2005, arbeitet zur Zeit in einem sozialen Projekt in Israel - hier sein Bericht:

 

Während der iranische Präsident lautstark die „Auslöschung Israels“ fordert, leisten im ´Dorf der Hoffnung` deutsche Volontäre ihren Beitrag zur Völkerverständigung.

  

Das Lagerfeuer knistert behaglich. Ich tippe meinen Freund Jerry an, zeige in den tiefschwarzen Himmel. Eine Sternschnuppe zieht vorüber. Zeit für das obligatorische „Wünsch dir was“. Doch nach wenigen Sekunden stutzen wir. Verschwinden Sternschnuppen nicht gewöhnlich? Diese jedoch bahnt sich ihren Weg gen Norden. Dort liegt die libanesische Grenze.

 

Am nächsten Morgen meldet CNN, Israel habe die schwersten Luftangriffe seit fünf Jahren gegen den Libanon geflogen. So ist der Nahost-Konflikt für uns Volontäre allgegenwärtig und rückt doch angesichts der täglichen Routine in den Hintergrund.

 

Konflikt in weiter Ferne

 

Schließlich gilt es ganz andere Probleme zu lösen. Nachdem ich mit Mühe und Not den Morgenmuffel Ido aus dem Bett bugsiert habe, geht es gleich weiter. Laut Arbeitsplan soll ich mich um eine Gruppe von 15 Chaverim (Freunde) kümmern, die in einer Werkstatt arbeiten. Noch während ich mich mit einer Tasse dampfenden Kaffees in der einen und dem iPod in der anderen Hand auf den Weg mache, klingelt mein Handy. Es ist Günter, mein Chef. Der Sozialpädagoge mit deutschen Wurzeln ist zugleich Ansprechpartner und gelegentlich auch Antreiber für allzu faule Volontäre. Ein morgendlicher Anruf bedeutet garantiert eine Planänderung. So auch heute. Zwicker, der Behinderte mit dem ich am engsten zusammenarbeite, soll zur Kur gebracht werden – so heißt es.

 

Simon Perger, r., mit Zwicker

 

Nach einer einstündigen Fahrt durchs schöne Galiläa erreichen wir unser Ziel. Spätestens nach Passieren der elektronischen Schleuse wird mir klar, dass dieser Ort nicht meiner Definition von „Kur“ entspricht. Wir sind in einer klassischen psychiatrischen Anstalt gelandet. Meterhohe Mauern, blassrosa gestrichene Wände erzeugen eine beklemmende Atmosphäre. Die Patienten schluffen mit stumpfem Blick durch die Gänge. In ihren Schuhen gibt es keine Schnürsenkel. Suizidgefahr! Slawa, Zwickers Sozialarbeiter raunt mir zu: „Diese Anstalt erinnert mich an ´Einer flog übers Kuckucksnest´“ Mir graust es beim Gedanken, dass Zwicker an diesem trostlosen Ort bleiben muss. Die Rückfahrt verläuft sehr still.

 

Erst jetzt wird mir richtig bewusst, welch ein Paradies „Kfar Tikva“ für die Behinderten ist. Meine Laune steigt jedoch als ich die Tür zu meiner WG aufschließe. Es duftet nach Gebäck und Schwarzem Tee. Gerade rechtzeitig komme ich zum English-Club.

 

Hier treffen sich jeden Montag die Chaverim Richard, Michael, Tommy mit Volontärskollegin Carmen und mir. Allesamt Nativespeaker, die froh sind zumindest einmal pro Woche in ihrer Muttersprache schwätzen zu können. Der Club gehört zu den Highlights der Arbeitswoche, da die Members allesamt sehr interessante Charaktere sind. Da ist Richard mit dem Cambridge-Examen, der aber auf die Frage „How are you“ stets bloß „I'm depressed“ antwortet. Seit er im Kfar lebt, hat er ein 5000-seitiges Manuskript zu Papier gebracht, das philosophische Themen behandelt. Dann Michael, der zum Einstieg die englische Hymne zum Besten gibt und jede Äußerung mit einem überschwänglichem „that's lovely“ kommentiert. Just an diesem Tag kommt heraus, dass Richard und Michael dieselbe Grundschule besuchten. Die Welt ist klein – Israel ist es erst recht.

 

Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen verabschiedet sich Tommy, der Rollstuhlfahrer aus den USA. Morgen hat er Geburtstag, „da werd ich 32“ sagt er, tatsächlich geht er auf die 70 zu. Er freut sich wie ein kleiner Junge – und eben solche Augenblicke sind es, welche die Entbehrungen hier mehr als aufwiegen!

 

15 deutsche Freiwillige arbeiten zur Zeit hier im "Dorf der Hoffnung", alle um die 20 und zum ersten Mal so lange fern der Heimat. Ungewohnte Verantwortung, wenig Privatsphäre (man teilt sich Doppelzimmer), oft ist viel Improvisationstalent gefragt – gelegentlich stößt man da an seine persönliche Grenzen.

 

Am Ende dieses langen Tages schnappe ich mir ein kaltes Heineken und gebe mich dran Holz für ein Lagerfeuer zu sammeln. Doch zuvor lasse ich noch einige Minuten in der Hängematte die Seele baumeln.

 

Heute fliegen keine Raketen!

 

Simon Perger, Haifa