Pascal Post über seine Zeit in England

Februar 09

 

Liebe Mitschüler des Gymnasiums Kerpen,

 

Seit 5 Monaten lebe ich jetzt mit der Familie High in Rainham. Das ist eine beschauliche Kleinstadt nahe der Themsemündung. Und heute hat es in dieser Stadt geschneit.

 

15 cm Schnee sind gefallen, hier im milden Kent ist das so etwas wie eine Umwelt-Katastrophe auf die mit ziemlicher Sicherheit eine Verkehrskatastrophe folgt. Fast alle Flüge und Züge wurden eingestellt und weil es kaum einer meiner Lehrer pünktlich zur Schule geschafft hat habe ich heute SCHNEEFREI. Eine klasse Sache, über die ich auch insbesondere sehr froh bin, weil es schon letzte Woche in den Klassenräumen der Schule miserabel kalt war.

 

Das liegt höchstwahrscheinlich an der äußerst innovativen Bauform des Schulgebäudes, das schlechter isoliert ist als die meisten Hundehütten und aus mehreren Gebäudeblöcken besteht, so dass man zwischen den Unterrichtsstunden immer im Regen über den Hof gehen muss. Den englischen Schülern scheint das wenig auszumachen, es härtet ab. Das ist offensichtlich, denn über das Wärmeempfinden meiner Mitschüler hier kann ich nur staunen. Selbst im Winter kommen die allermeisten ohne Jacke zur Schule und das ist auch gut so, denn nur so kommt die äußerst schicke Schuluniform auch voll zur Geltung. Also ich finde rein aus ästhetischen Gründen sollten wir die Schuluniform in Deutschland einführen, das sieht echt klasse aus, wenn die Unterstufen-Schüler (später ist das etwas lascher) allesamt im schwarzen Anzug mit dem Emblem der Schule auf der Brust in Zweierreihen ins Gebäude einziehen. Aus erzieherischer Sicht scheint die Schuluniform jedoch zu versagen, denn sobald die Schüler in der Oberstufe die Uniform nicht mehr tragen müssen schlägt die Mode, wahrscheinlich aus purem Protest, in das Gegenteil um. Marken spielen eine enorme Rolle und die Mehrheit der Schüler erscheint in Jogginghose.

 

Auf dem Schulhof der Grammar School in Rainham; klick drauf, dann wird das Bild groß!

 

Aber sonst ist die Disziplin hier wirklich enorm hoch. Aufgefallen ist mir das bei einer Feueralarm-Übung: Bei uns - wenn ich mich recht erinnere - für die meisten eine willkommene Unterbrechung und die Möglichkeit Döner essen zu gehen. Hier sah ich mich augenblicklich in eine brav schweigende Reihe von Schülern eingeordnet die tatsächlich ruhig und geordnet das Gebäude verließen und sich dann auf dem Sportplatz als Klasse in einer Reihe hinter ihrem Lehrer aufstellten, und zwar nach Nachnamen in alphabetisch richtiger Ordnung!!!

 

Vor einiger Zeit war hier auch "Army Day", eine spezielle Gruppe von Soldaten kam in die Schule und baute für die Oberstufen-Schüler, Jungen wie Mädchen, einen Parcours auf dem Sportplatz auf um für die Armee zu werben. Schon befremdlich, aber sehr wirkungsvoll - einige meiner Klassenkameraden überlegen jetzt, sich nach dem Schulabschluss  einzuschreiben. Tja, wenn es keine Wehrpflicht gibt, muss sich die Armee schon mehr um die Rekruten kümmern.

 

Aber ich war ja noch nicht damit fertig über die Bauform der Schule zu schreiben. Was mich irritiert ist, das immer alle Außentüren offen stehen und nicht einmal die Fenster doppelt verglast sind. Es liegt wirklich eine gewisse Ironie darin, wenn wir in Geography über Ressourcen-Ausbeutung  und Klimaerwärmung sprechen und dabei 3 elektrische Heizlüfter im Raum laufen haben, weil sich die alten Fenster nicht mehr richtig schließen lassen.

 

Aber Geography ist klasse, nicht ganz vergleichbar mit dem was wir als Unterrichtsfach Erdkunde haben, sondern eher schon wirklich eine Wissenschaft. Die naturwissenschaftlichen Fächer sind hier alle auf einem sehr hohen Niveau und die Laborräume sind ausgestattet wie in einem Institut.

 

Dafür läuft es mit den Sprachen umso bedauerlicher, so mancher Schüler hat vielleicht die Einstellung: "Ich kann Englisch, was brauche ich mehr". Mit dem Erlernen von Fremdsprachen tun sich meine englischen Mitschüler sehr schwer. Es wird zwar Französisch, Spanisch und auch Deutsch als Fremdsprache angeboten, aber der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf dem übersetzen. In meinem Spanisch-Unterricht redet der Lehrer eigentlich fast immer Englisch, die Schüler sprechen untereinander nie auf Spanisch und auch längere Texte werden selbst jetzt im 4. Jahr nicht gelesen.

 

Aber ich höre jetzt mal auf hier herum zu mosern, sonst könnte man ja auf die Idee kommen, es würde mir hier nicht gefallen. Und das ist nicht der Fall. Eigentlich finde ich die Schule hier klasse. Die Atmosphäre ist toll, ich fühlte mich direkt sehr willkommen und die These, dass Engländer so ernst und wenig kontaktfreudig seien kann ich nicht bestätigen.

 

Total gut finde ich auch die vielen Exkursionen hier. Vor Ort zu lernen ist ein entscheidender Teil der Schulphilosophie. Der Geographie Kurs fährt jedes Jahr eine Woche zur "field study" und dieses Jahr geht es eine Woche nach Snowdonia, Wales und ich bin dabei. Mein Spanischkurs fährt dann später dieses Jahr nach Valencia, der Business-Kurs, in dem ich aber leider nicht drin bin, ist gerade in New York. Mit dem Physikkurs war ich auf einer Gastlesung in der Kent University und mit dem Mathe Kurs auf einem Math Inspiration Vortrag in einem Theater am Picadilly Circus.

 

All das ist natürlich nur möglich, weil die Schule den größten Teil der Reisekosten bezahlt und die Schüler nur noch den kleineren Anteil dazu geben müssen.

 

Vielleicht sollte ich jetzt hier schreiben, das ich auf einer staatlichen "Grammar School" bin. Das bedeutet jetzt nicht etwa, dass dort besonders viel Grammatik unterrichtet wird :) sondern dass es eine höhere Schulform ist, einem Gymnasium ähnlich. Die Schüler müssen sich auf die Plätze bewerben und die Schule kann sich ihre Schüler aussuchen. Von diesen Grammar Schools gibt es nicht mehr viele öffentliche. Eigentlich gibt es sie fast nur noch in Kent. Und sie werden eben vom Staat besonders stark gefördert.

 

Das zeigt sich auch an der technischen Ausstattung. Ich muss hier mal schw�rmen: Es gibt unglaublich viele Computerräume in der Schule, welche auch im Unterricht häufig eingesetzt werden. Alle Computer sind nagelneu von Dell. Jeder Lehrer hat ein Notebook und ein Netbook und die werden auch benutzt. Eigentlich haben die meisten Lehrer für jede Unterrichtsstunde Power Point Präsentationen vorbereitet. Das ist natürlich nur deshalb so leicht möglich, weil die Lehrer Arbeit wie das Korrigieren der regelmäßig eingesammelten Hausaufgaben an school assistants delegieren können und weniger Unterrichtsstunden pro Woche haben, sich also gründlich vorbereiten können. Und in jedem Raum hängt bereits ein Beamer an der Decke, welcher auf ein berührungsempfindliches Active White Board scheint. Wirklich in jedem Raum, sogar in den Drama Studios, jener mintgrün gestrichenen Grotte mit erbsengrünen Stühlen, welche mein Klassenraum ist.

 

Denn mein Klassenlehrer ist Drama Teacher, ein recht entspannter Typ, der uns meistens während der Register Times ein wenig Zeit zur Pflege unserer Klassengemeinschaft lässt.

 

Register Time ist eine halbe Stunde am Morgen und noch einmal eine Viertelstunde am Nachmittag. Wenn man nicht zufällig bei seinem Klassenlehrer einen Kurs hat, ist es die einzige Zeit zu der man ihn sieht und den Rest der eigenen Klasse trifft, denn Pflichtfächer gibt es in der Oberstufe nicht mehr. In der Register Time werden alle organisatorischen Dinge besprochen, oder auch einmal nur so abgehangen und Kekse gegessen. Zweimal pro Woche gehen wir morgens während dieser Register Time mit der Klasse zur "assembly", da hält dann unser "Head of 6th Form", also die Oberstufendirektorin, eine mal mehr, mal weniger interessante Rede über Fächerwahl in der Klasse 13, den Wahlsieg von Obama, oder über Themen wie den Sinn von Schule oder ehrenamtliche Arbeit (sehr wichtig in England: Charities und volunteering).

 

Die Woche vor Weihnachten war Charity Week, ein Projekt bei dem sich die Schüler und Lehrer etwas ausdenken sollten um Geld für gemeinnützige Zwecke einzutreiben. Einige waren wirklich sehr erfolgreich. Einer aus meiner Klasse hat es hinbekommen von einem lokalen Schwimmbad, einem Freizeitpark, einer Kletterhalle, einem Restaurant und einigen anderen Unternehmen Gutscheine gestiftet zu bekommen, womit er dann in der Schule eine Lotterie eröffnet hat um die gesamten Einnahmen von über 500 Pfund zu spenden. Andere haben Kuchen verkauft- mein Mathelehrer hat zur allgemeinen Belustigung auf dem Schulhof einen Hut aufgestellt und mit Kegeln jongliert um Geld zu sammeln. "It's all for charity" war eine Woche lang der Grund, die verrücktesten Dinge zu planen und es hat nicht nur wirklich Spaß gemacht sondern es ist auch gut was zusammen gekommen.

Ich kann jedem der für ein Jahr ins Ausland möchte die so genannten Meadway Towns, dazu gehört eben Rainham wo ich bin, wirklich empfehlen. Denn es ist nicht so furchtbar weit von Deutschland weg. Man kann über Weihnachten auch mal nach Hause fliegen oder mit dem Eurostar durch den Tunnel fahren.

 

Kent gilt als "The Garden of England", weil es landschaftlich sehr schön ist und viele historische Städte hier liegen, das historische Rochester ist nebenan, nach Canterbury oder ans Meer sind es mit dem Zug nur knapp mehr als eine halbe Stunde und in 50 Minuten bin ich mit dem Zug in London Victoria. Das ist für mich und die meisten Austauschschüler natürlich die größte Attraktion am Wochenende, ob man nun durch den James Park bummeln, in der Regentstreet shoppen oder eines der vielen eintrittsfreien Museen besuchen möchte.

 

Die Meadway Towns selbst sind ein Ballungsgebiet von 4 zusammengewachsenen Kleinstädten wo man alle denkbaren Freizeitaktivitäten vorfinden kann. 2mal in der Woche fahre ich zum Klettern und auch sonst gibt es natürlich auch alle Sorten von Vereinen und unzählige Fitness-Studios. Die sind auch nötig, und werden stark frequentiert, denn Schulsport gibt es in der Oberstufe fast nicht mehr. Die meisten meiner Mitschüler machen traurigerweise keinen Sport, aber in den Vereinen treffe ich andere Jugendliche.

 

Außerdem gibt es hier in Kent, wie ich schon erwähnte, noch Grammar Schools. Manche Familien in England ziehen extra hierher, um ihren Kindern zu ermöglichen auf eine solche Grammar School zu gehen. Ich würde jedem Englandinteressierten empfehlen eine Grammar School zu besuchen, denn jetzt, wo ich mich in die Sprache erst einmal reingehört habe, erscheint mir die Schule hier eher leichter als Schule in Deutschland, aber vielleicht liegt das auch nur daran dass ich hier natürlich nicht dem gleichen Druck ausgesetzt bin wie meine englischen Mitschüler. Die sind nämlich in der Oberstufe ziemlich gestresst. Klar, es geht ja jetzt ja schon um ihren Abschluss. Weil in England mit 5 Jahren eingeschult wird, sind wir deutschen Elftklässler in England in der 12. Klasse. Das bedeutet, im Sommer mache ich mit meinen Klassenkameraden hier schon die AS-Levels, den ersten Teil des Englischen Arbiturs, im nächsten Schuljahr, dem letzten, machen die Engländer dann den zweiten Teil des Abiturs, die A-Levels.

 

Was mich zunächst abgeschreckt hat ist, dass ich hier an der Schule nur 4 Unterrichtsfächer wählen konnte. Aber mit ein wenig Glück bekommt man es schon hin wenigstens die für einen selbst wichtigen Fächer, die man in Deutschland weiterwählen möchte, abzudecken und diese studiert man ja dann hier umso intensiver. Von meinen Mitschülern  werde ich jedoch mitleidig angeschaut wenn ich sage, dass ich Geography, Physics, Maths and Spanish gewählt habe. Die meisten haben wenigstens ein Fach wie Drama oder Film Studies oder Critical Thinking, wo man es etwas gelassener angehen kann. Und ich muss schon sagen, diese Fächer klingen auch sehr interessant, am liebsten würde ich ja alles wählen.

 

Achso ja, ein Pflichtfach gibt es doch: IFS (international finacial studies). Das ist jedoch halb so wild wie es klingt: hier wird im Grunde Allgemeinwissen wie z.B. die Themen Inflation und "was ist ein Girokonto?" vermittelt. Wenn man es erst einmal geschafft hat die entsprechenden Fachvokabeln auf Englisch zu lernen, was sicherlich auch recht nützlich ist läuft das so nebenher. Zumal die Examen in dem Fach Multiple Choice Tests sind. Und zwar, das finde ich wirklich komisch, gibt es jeweils 4 mögliche Antworten pro Frage, aber mit 25% der Punkte kann man den Test noch bestehen. Die englischen Schüler nennen das "monkey score", weil theoretisch ein Affe das IFS Examen bestehen würde.

 

Das ist aber auch in den anderen Examen ähnlich, zunächst bekam ich einen riesen Schock, weil die Examen so schwer sind, aber es ist gar nicht erforderlich, die volle Punktzahl zu erreichen. Das schafft meistens keiner aus der Klasse, sondern man bekommt oft noch mit 65% der Punkte ein A (die beste mögliche Note). Dennoch ist die Anspannung vor den Examen hier enorm, denn die Gesamtnote hängt fast ausschließlich von den 4 Examen ab. Die Mitarbeit im Unterricht dagegen zählt äußerst wenig. Infolge dessen konzentrieren sich sowohl Schüler als auch Lehrer fast nur auf die Examen.

 

So jetzt habe ich aber auch schon viel geschrieben, wer das tatsächlich alles gelesen hat, hat ja eindeutig großes Interesse an einem Auslandsjahr. Ich würde auf jeden Fall nochmal genau so hier hin fahren und möchte zum Schluss ein für alle mal mit einem ziemlich blöden Vorurteil aufräumen: In England regnet es auch nicht mehr als in Deutschland, und im Moment schneit es.

 

Viele Grüße an den Kontinent,

Pascal Post