Ich bin dann mal weg!
15.11.11
„Was mache ich eigentlich nach der Schule?“, diese Frage stellen sich jedes Jahr tausende Oberstufenschüler. Viele entscheiden sich erst kurz vor dem Abi. Möglichkeiten gibt es genug. Man kann studieren, eine Ausbildung machen, arbeiten oder reisen. Ich habe mich für die letzteren beiden Möglichkeiten entschieden. Seit Langem war für mich klar, dass ich nicht direkt an die Uni gehen möchte um zu studieren, sondern vorher noch reisen und was von der Welt sehen wollte, immerhin ist nach dem Abitur die beste Zeit dafür.
Sandra Korn, ganz rechts
Da mir Reisen allein aber nicht genug war, habe ich beschlossen ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland zu machen. Über Weltwärts, der Anlaufstelle Nummer 1, wenn es um ein FSJ geht, habe ich mich bei zwei Organisationen beworben, außerdem noch bei kulturweit. Da ja zu diesem Jahr die Bundeswehr und der Zivildienst abgeschafft wurden, gibt es in Deutschland allerdings schon genug Engpässe, weshalb die Fördermittel für Weltwärts reduziert wurden. Das Resultat ist nun, dass weniger Leute von den Trägerorganisationen ins Ausland verschickt werden können und ich leider abgelehnt wurde. Durch Zufall bin ich dann aber an das Kolpingwerk gekommen. Das Kolpingwerk hat mir angeboten, im Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes für 10 Monate nach Agona Swedru, Ghana, zu gehen.
Inzwischen bin ich jetzt seit mehr als 2 Monaten hier und ich finde es toll hier. Klar muss man auf einige Sachen verzichten, die man so aus Deutschland gewohnt ist, ständig fließend Wasser und Strom zu haben, Waschmaschinen etc., aber insgesamt war ich ziemlich überrascht, wie weit Ghana entwickelt ist, wie fein die Leute hier rumlaufen und wie gut man mit einigen über Welt-Angelegenheiten debattieren kann. Durch die Medien hat man halt immer das Vorurteil, dass alle Afrikaner arm sind. Genauso haben die meisten Ghanaer hier das Vorurteil, dass man, nur weil man weiß ist, jede Menge Kohle hat. Deswegen ist es auch nichts Außergewöhnliches, wenn man auf der Straße angesprochen wird, ob man den Leuten nicht Geld geben kann.
Ich lebe hier in Agona Swedru zusammen mit einer anderen Freiwilligen von IJGD bei meiner Gastfamilie. Meine Gastschwestern Awompa, 5 und Efiba, 2, sind ziemlich süß. Da sie zu Hause auch nur Englisch sprechen, können wir uns schon super mit ihnen verständigen. Leider ist es aber so, dass das hier nicht in allen Familien gemacht wird, weshalb an der Schule meiner Mitbewohnerin die Sprache ein echtes Problem darstellt. Dort können leider fast alle Schüler der Junior High nicht richtig Englisch sprechen, geschweige denn schreiben oder lesen. Stattdessen wird der Unterricht fast nur auf Fanti abgehalten. Hier in Ghana gibt es ziemlich viele Volkssprachen, bei mir in der Central Region ist die gängige Sprache Fanti.
An meiner Schule ist Englisch zum Glück kein Problem. Ich unterrichte an der Swedru International School, SWIS, das ist eine Privatschule und gleichzeitig ein Internat. Das heißt, die meisten Kinder, die dort zur Schule gehen, kommen aus einem reichen Elternhaus und werden dementsprechend auch gefördert. Ich unterrichte dort zwei/drei Fächer, einmal Integrated Science und andererseits Creative Arts für insgesamt 4 Klassen, 4A und B und 5A und B. Das dritte Unterrichtsfach ist Sport, das mache ich aber immer nur aushilfsweise, weil wir für die ganze Schule nur einen Sportlehrer haben.
Der Unterricht ist schon ein bisschen anders als in Deutschland. An meiner Schule gibt es eigentlich nur Frontalunterricht, mit meinen Klassen mache ich aber zwischendurch auch mal so kleine Aktivitäten, die gerade zum Thema passen, um es ein bisschen interessanter zu gestalten. Insgesamt sind die Kinder hier alle zuckersüß, aber als Obruni – „Weiße“ hat man es nicht leicht, sich den Respekt von den Kindern zu gewinnen, da sie wissen, dass sie von den Weißen nicht geschlagen werden. An den Schulen in Ghana ist es leider meistens immer noch Gang und Gebe, dass die Kinder mit dem Rohrstock geschlagen werden, wenn sie Mist gebaut haben oder auch nur eine Frage falsch beantworten, auch wenn das inzwischen gesetzlich verboten ist.
Mein Alltag sieht meistens so aus, dass ich um 5:30 Uhr morgens aufstehe und nachdem ich meine Tasche gepackt, geduscht, meine Gastschwester angezogen und gefüttert habe, um 7:30 Uhr zur Schule gehe. Meistens habe ich 4 Unterrichtsstunden pro Tag, was zwar nicht nach viel klingt, aber doch verdammt anstrengend ist, weil man die Hausaufgaben, Schulaufgaben und Tests, die man den Kindern gibt, auch alle sofort korrigieren muss. Inzwischen kann ich auch ein bisschen nachvollziehen, wie es meinen Lehrern in Deutschland immer ergangen ist, wenn sie Klausuren korrigieren mussten. Ich kann natürlich verstehen, dass ihr eure Klausuren so schnell wie möglich wieder haben wollt, vor nicht allzu langer Zeit ging's mir noch genau so, aber bitte seid ein bisschen nachsichtiger gegenüber euren Lehrern, es ist echt viel Arbeit, wenn man Tests von mehreren Klassen auf einmal korrigieren muss und ich bin mir sicher, sie tun ihr Bestes um sie euch so schnell wie möglich zurück zu geben.
Ghana ist ein Land zwischen Tradition und Moderne, im alltäglichen Leben merkt man den Unterschied zwischen den Kulturen kaum und wenn, dann sind es Kleinigkeiten, wie dass man von völlig fremden Leuten begrüßt wird oder, dass die meisten Ghanaer sich gerne durch Tanz und Gesang ausdrücken. Die traditionelle Seite hingegen zeigt doch ganz klar, wie anders die Ghanaische Kultur von der unseren ist. Wie ihr auch auf meinem Blog (www.koernchens-blog.blogspot.com) nachlesen könnt, habe ich hier schon die ein oder andere traditionelle Zeremonie mitgemacht. Die typischen traditionellen Zeremonien hier sind Beerdigungen, Hochzeiten und Festivals.
Zwar ist Ghana eine Republik, trotzdem gibt es hier in jeder Region Dutzende Monarchien und Chiefs, die als die traditionellen Oberhäupter Ghanas dienen. Allein in jeder meiner Klassen sitzen mindestens zwei Prinzen. Kaum vorstellbar aber wahr.
Also für mich war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens, mir diese Auszeit zu gönnen, um eine komplett fremde Kultur kennen und lieben zu lernen und andererseits Zeit zu haben um mich einfach mal auf mich, meine Ziele und meine Erwartungen ans Leben zu konzentrieren. Ich kann es wirklich nur weiter empfehlen, auch wenn es natürlich nicht immer einfach ist. Aber solche Ups and Downs hat man auch schon mal zu Hause, davon sollte man sich also nicht abschrecken lassen.
Du muss einfach eine positive Einstellung haben, dann wird so ein Jahr zu einem der Besten, die du je erleben wirst.
Liebe Grüße aus dem viel zu heißen Ghana,
Eure Sandra Korn