Zu Gast an der Europaschule: Martin Schulz
9.11.07
"Ich freue mich sehr über die Möglichkeit, hier sein zu dürfen.
An dem Gymnasium, an dem meine Frau ihr Abitur gemacht hat,
kämpfe ich heute für die Vertiefung der Idee des geeinten Europa,
an einer Schule, die für die gleiche Idee steht."
Eintrag von Martin Schulz im
Gästebuch der Europaschule
am Freitag, den 9.11.07

Martin Schulz beim Eintrag ins Gästebuch der Europaschule
Annette Wilbers-Drerup hatte eine glückliche Hand, als sie den Europapolitiker Martin Schulz zu einem Vortrag in die Europaschule einlud. Europa-Politiker? Das klingt für manche nach Bürokratie, Beamtentum - Langeweile. Nicht so Martin Schulz! "Ich sage, was ich denke und ich tue, was ich sage", so zitierte er den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau. Nicht ohne augenzwinkernd hinzuzufügen: "Naja, manchmal mache ich auch was Anderes, aber ich bemühe mich zumindestens es so zu halten, wie es Rau formulierte." Er war weiß Gott nicht auf den Mund gefallen, im Gegenteil: Als charismatischer Redner verursachte er in der mit einigen Hundert Oberstufenschülern besetzten Aula eine Stille, wie sie dieser Saal selten wahrgenommen hat. Der Vorsitzende der sozialistischen Fraktion im Europäischen Parlament hielt ein kämpferisches Plädoyer für die Idee der europäischen Einigung, so dass auch dem letzten Schüler klar wurde: Hier ist einer mit seinem Herzblut dabei! Er erzählte von seinem Vater, der zwei Weltkriege erlebt hatte, der 1940 heiratete, warum: Damit seine Frau, Martin Schulz' Mutter, die Berechtigung erhielt, eine Kriegerwitwen-Rente zu bekommen. Heiraten und gleichzeitig dem möglichen Tod des geliebten Gatten ins Auge zu schauen: Ein europäisches Schicksal im 20. Jahrhundert. Um diesem grauenvollen Schicksal für alle Zeiten einen Riegel vorzuschieben, traten die ersten Europäer an, um den engstirnigen Nationalismus zu überwinden - mit überwältigendem Erfolg!
"Und die Türkei gehört für mich dazu!" - Das war das Credo des SPD-Präsidiumsmitglieds Martin Schulz. "Noch nicht heute, aber in der baldigen Zukunft." Aus Gesprächen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan weiß er, dass die Türkei auf dem Weg nach Europa ist - sehr viel stärker als unter vielen Konservativen und sozialdemokratischen Regierungen der Vergangenheit. Die Türkei mit einer demokratischen Verfassung und als EU-Mitglied - das wäre ein unbezahlbares Modell für viele Staaten der muslimischen Welt! Und dies würde den Fundamentalisten das Wasser abgraben, die behaupten, Islam und westliche Demokratie seien unvereinbar.
Natürlich rief diese klare Haltung Widerspruch hervor: Eine Reihe von Schülern stellten infrage, ob die Türkei heute schon für die EU bereit sei. "Wir können nicht alle Länder aufnehmen, bei denen wir die Demokratie durchsetzen wollen", meinte ein Schüler, "dann könnten wir auch Birma in die EU holen!" Die Menschenrechtsfrage sei nach wie vor problematisch, meinte Elena Rogge und verwies auf das dramatische Schicksal des 17jährigen Marco W. Darauf konterte Schulz mit dem Hinweis: "Natürlich sind die rechtstaatlichen Bedingungen in der Türkei noch nicht auf unserem Niveau, aber Jemand, der einer Vergewaltigung verdächtigt würde, säße auch bei uns in Untersuchungshaft.

Mehmet Kocak fragt nach Schulz' Haltung in der Kurdenfrage
Mehmet Kocak fragte nach der Bedrohung der Türkei durch kurdische Extremisten und wie Schulz zu einem möglichen Eingreifen türkischer Truppen im Nordirak stünde. Schulz: "Selbstverständlich hat die Türkei das Recht, sich gegen terroristische Angriffe zur Wehr zu setzen; allerdings nicht durch einen militärischen Angriff auf ein anderes Land, das entspricht nicht unserem völkerrechtlichen Denken."
"Wissen Sie, wem ein Nicht-Beitritt der Türkei am meisten nützen würde?" fragte er am Schluss. "Den Russen! Putin sucht und findet Verbündete, um seine expansive Wirtschaftspolitik, vor allem in Hinblick auf das Erdöl, weiterzuführen. Und die Türkei käme ihm dann als von Europa verschmähter Verbündeter gerade recht! So könnte er Europa immer mehr ökonomisch und energiepolitisch unter Druck setzen. Wollen wir das?"
Natürlich muss jeder für sich entscheiden, ob er sich alle Argumente von Martin Schulz zu eigen macht. Aber eins ist klar: An diesem Vormittag ging keiner gelangweilt nach Hause, keiner, der nicht irgendeinen Gedanken mitnahm, der nicht wenigstens ein bisschen überlegte, ob er mit seiner bisherigen Haltung Recht hat.
Ein beeindruckender Auftritt des Vollblutpolitikers Martin Schulz - vielen Dank!
Bernd Woidtke