Maria Stuart
Eine umjubelte Premiere
19.1.06
Eigentlich ein sehr schwerer Stoff: Maria, Königin von Schottland, flieht nach England, nachdem sie ihren Gemahl hat umbringen lassen. Elisabeth I., englische Königin, fürchtet die Konkurrentin und lässt sie in den Kerker werfen. Und dann beschleunigt sich die Geschichte auf der Bühne, die bald ihre erste Botschaft brutal ins Publikum schleudert: Trau Niemandem, nicht mal dir selbst! Wer glaubte, Mortimer (brillant gespielt von Dominik Hees) sei Marias naiver Liebhaber, sieht sich schnell getäuscht - er bandelt auch mit Marias Todfeindin Elisabeth an. Nur zum Schein, wie suggeriert wird - wirklich? Graf Leicester (mit atemberaubender Schmierigkeit gegeben von Thomas Oberhoff) steht ihm nicht nach und hält überall einen Fuß in der Tür: Ist er für Marias Hinrichtung, ist er gegen sie? Auf Burleigh (supercool: Yvonne Kalthöfer) dagegen ist Verlass: Sie betreibt intrigant die Hinrichtung, reißt dem traurigen Schreiber Davison (anrührend gespielt von Terach Franchi) das Todesurteil aus der Hand, und wohnt schließlich mit Leicester der Hinrichtung bei. Will Talbot (eindrucksvoll: Cara Piciotto) Marias Kopf wirklich retten, oder treibt auch er/sie ein Spiel? In Hannah, Marias Amme, war alles Leid dieser Welt aufgehoben; welche Schauspielerin schafft es schon, ohne Schminke oder technische Mittel echte Tränen zu produzieren (sehr anrührend: Anna Lisa Schauff)? Die Nachrichtensprecherin (täuschend echt, wie live aus der Tagesschau entsprungen: Regina Schieb) führte die Zuschauer mit irritierenden Meldungen zum mörderischen Geschehen aufs Glatteis.
Und dann die Königinnen: Auch hier wieder Irritationen. Viele Zuschauer kennen Viviane und Rebecca Caspers als sich ähnlich sehende Geschwister. Wer aber mit der Erwartung in die Vorstellung kam, die beiden Schauspielerinnen geben die Königinnen als verwechselbare Zwillinge, sah sich getäuscht. Viviane zeigt Maria Stuart als zarte, liebende Frau, die ihre jugendliche Mordtat längst bereut und geradezu weise dem Tod entgegen sieht. Rebeccas Elisabeth hingegen vereinigt extrem widerstreitende Gefühle: den Hass auf ihre vermeintliche Rivalin, den tiefen Wunsch, den Makel der Unehelichkeit zu tilgen, die Eiseskälte beim Unterzeichnen des Todesurteils, gleichzeitig aber auch die Skrupel, die Unentschlossenheit, die phantasierte Bluttat Realität werden zu lassen. Beide Schauspielerinnen bewältigen ihre Rollen mit Herzblut und einer Präsenz, die manchen ZuschauerInnen die Tränen in die Augen trieb...
Alle Akteure zeigten sich dem schwierigen Text und der dramatischen Struktur des Stückes absolut gewachsen. Und dass Licht- und Tontechnik perfekte Arbeit leisteten, ist man ja schon gewohnt, natürlich aber muss dieser glückliche Umstand äußerst anerkennend erwähnt werden.
Schließlich Werner Philippi, Herz und Hand des Kerpener Theaters: Er hatte sich den Warnungen ("Oh, Werner, Maria Stuart, so ein schwerer Schinken, das kannst du doch mit Schülern nicht machen!") standhaft widersetzt. Und er hat sich auch der Erwartung widersetzt, nach dem Hollywood-Epos 'Die Nibelungen' jetzt wieder einen Ausstattungs- und Actionreißer auf die Bühne zu bringen. Stattdessen setzte er auf den zeitlos genialen Schiller-Text, auf das große Können und Engagement der Schülerinnen und Schüler und auf seine eigene Tatkraft, die, wie wir wissen, bislang noch nicht an irgendeine Grenze gestoßen ist.
Stehende Ovationen.
Die Besetzung: Die Zwillingsschwestern Viviane und Rebecca Caspers spielen Maria und Elisabeth. Die weiteren Schauspielerinnen und Schauspieler: Dominik Hees (Mortimer), Thomas Oberhoff Graf Leicester), Anna Lisa Schauff (Hannah, Amme von Maria), Cara Picciotto (Talbot, Beraterin von Elisabeth), Yvonne Kalthöfer (Burleigh, Managerin von Elisabeth), Katja Busse (Paulet, Bodygard), Terach Franchi (Davison, Schreiber), Dr. Frank Bednorz (Melvile, alter Manager Marias), Christine Behnke (Margareta, Page von Maria), Denise Michels (Graf von Kent, Page von Elisabeth), Nico Ulbrich (Reporter), Lisa Eiling (Reporter), Tom Bildhauer (Erster Offizier), Sebastian Rolke (Zweiter Offizier), Patricia Matthäus (Kammerfrau Marias), Anne Reichel (Kammerfrau Marias), Regina Schieb (Nachrichtensprecherin), Cora Mathern (Maria/Kid), Nora Mathern (Elisabeth/Kid). Technik/Ton: Bastian Fankhauser, Marc Merx, Simon Bleck, Johannes Ponge, Jonathan Dammers, Alexej Kuzmin; Technik/Licht: Michel Felten, Denise Michels, Christian Olszewski, Tilmann Stockschläder; Requisite/Bauten: Madeleine Woythe, Denise Michels, Rica Wedowski, Anna Matuszynski, Marielle Falkenberg; Sprachtraining: Martina Rester; Regieassistenz: Sabine Bühler; Timo Philippi, Rachel Müller; Mitglieder der Theater-AG Unterstufe; Digital/Printdesign: Hamid Habibzada; Regie: Werner Philippi
Bernd Woidtke