Last Supper – das letzte Abendmahl

 

Und morgen die wohl letzte Chance dieses von Regina Fritz grandios inszenierte Stück zu erleben. Ja, ich schreibe hier wirklich „erleben“ und meine es auch so.

 

Wer den 3D-Trend lieben gelernt hat, wird nach dieser vier-dimensionalen Aufführung begeistert sein. Bereits zu Beginn des Stückes wird der Zuschauer voll in den Plot integriert. Er sitzt im Mittelpunkt – und das sogar wortwörtlich. Die Lichter gehen aus, es ist dunkel, der Bass dröhnt, die Darsteller formieren sich zu einem großen Kreis um den Zuschauerkessel herum und rufen (nicht nur fiktive) Schlagzeilen in die Runde. Eine Atmosphäre, die kaum zu beschreiben ist, die man erlebt haben muss. Ein beeindruckender, spannender Auftakt zu einem hochkarätigen Stück mit tiefgründigem Hintergrund, das zugleich von spitzer Satire und scharfem Humor durchgehend gekennzeichnet ist.

 

Zack kommt durch Zufall zu Besuch, ein stark gesuchter Verbrecher, was die Studenten der WG natürlich nicht wissen, auch wenn Sie beim gemeinsamen Abendbrot von seinen extremen Ansichten schockiert werden. Es endet in einem Streit, der Fremde greift zur Waffe, will nur ein Experiment wagen, doch dann greift Steve, einer der Stundenten, ein, tötet ihn, mit einem Messer von hinten. Panik, was kommt jetzt? Selbstanzeige? War es Notwehr? Luke hat eine andere Idee: Haben Sie nicht gerade etwas Gutes getan, indem Sie diesen schlechten Menschen getötet haben? Wie würdest DU reagieren, wenn du im Jahr 1909 die Gelegenheit hättest den größten Verbrecher der Neuzeit, Adolf Hitler, zu töten?

Es werden scharfsinnige Fragen aufgeworfen: Ist es legitim, einen solchen Menschen zu töten? Der Utilitarismus nach Jeremy Bentham und Stuart Mill würde diese Frage wohl bejahen. Aber wer entscheidet eigentlich, was gut und was böse ist? Fragen, die dieses phänomenale Stück zu ergründen sucht.

 

 

Wieder ist es dunkel im Saal. Polizisten streifen durch die Zuschauermenge, blenden die Verdächtigen, also alle, mit ihren Taschenlampen. Fragen, ob jemand das gesuchte Mädchen gesehen hat. Im Hintergrund läuft spannende Musik. Gänsehautfeeling. Die fünf Studenten jedenfalls haben inzwischen ihre Antwort gefunden. Es war richtig diesen Menschen zu töten, wer weiß, welchen Schaden er noch über die Welt gebracht hätte. Als Sie später erfahren, dass er der Entführer des gesuchten Mädchens ist, feiern sie sich sogar, für diesen guten Treffer.

 

Sie fassen einen Plan: Von nun an werden Sie jeden Gast, der ihrer liberalen Grundhaltung widerspricht und somit eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, zu Grunde richten. Sie wollen nicht mehr bloß herum sitzen und friedlich demonstrieren, wie es eins Mahatma Ghandi erfunden hat, nein, sie wollen die Welt aktiv verbessern. Ein guter (?) Vorsatz. Das nächste Opfer ist ein konservativer Schwulenhasser, ein eigentlich sympathischer Gast. Die Todesszene ist stark zugespitzt und sorgt für Lacher. Eine Frau in der ersten Reihe ist entrüstet: „Wie könnt ihr nur darüber lachen?“ „MEIN GOTT, DAS IST SATIRE“, hätte manch einer wohl gerne zurück gebrüllt.

 

Denn von nun an werden die Mordmotive immer abstrakter und verschwommener. Der Pizzabote trägt einen Revolver bei sich, darf man ihn dafür umbringen? Bloß weil die Möglichkeit besteht, er könnte damit Menschen erschießen wollen? Und was ist mit den beiden Frauen, die für eine fiktive Hilfsorganisation sammeln und so die Leute betrügen? Zwischen den einzelnen „Abendmahl-Szenen“ treten schwarz vermummte Gestalten auf. Jeweils eine dieser Figuren repräsentiert einen Gestorbenen. Sie tragen weiße Masken und tanzen im UV-Licht ihre sehr gut einstudierten Choreographien. Erste Zweifel entstehen, nur Luke ist fest entschlossen. Die ersten Fehlschläge kommen hinzu, schließlich wird eine Polizistin ermordet, weil sich Luke verdächtigt fühlt.

 

Besonders brisant wird die Lage auch, als eine 17-Jährige, die gegen Abtreibung demonstriert, sich als „Nicht-Trinkerin“ outet. Denn vergifteter Wein war bisher Mittel der Dinge. Luke verfällt in einen wahren Mordrausch, findet in jedem Menschen etwas Schlechtes und wird immer radikaler in seinem Willen.

Am Ende des Stückes ist ein aus dem Fernsehen bekannter Mann, mit hohem Einfluss, zu Besuch. Seine Anhänger sind radikal, seine Theorien auch. Auf die Frage, ob er Hitler töten würde, antwortet er, er würde mit ihm reden, ihn zu einem Meinungswechsel stimmen. Die Gruppe ist geteilter Meinung, Luke will ihn umbringen, andere nicht. Und hat er hier nicht gerade eine Option eingebracht, die sie vernachlässigt hatten? Denn war ihr einstiger Vorsatz nicht nur zu morden, wenn sie die Person nicht überzeugen können?

 

Krisensitzung in der Küche. Als Paulie die Polizei rufen will, weil Luke durchdreht, hält dieser ihr eine Waffe an den Kopf. „Ihr Anruf kann gerade leider nicht entgegen genommen werden“, ertönt es am Telefon. Warteschleifenmusik erklingt und Luke sackt verzweifelt zusammen. Währenddessen hat der Gast am Wein gerochen, das Übel geahnt und der Gruppe eingeschenkt. Die Studenten kehren zurück und stoßen an.

 

Abermals wird es dunkel im Saal. Pause. Zeit zum Nachdenken. Der vertraute Fremde steht plötzlich im Nacken des Publikums, redet zerstreut machende Phrasen vor sich her, das Ende ist offen. Hatte dieser Mann recht? Oder war er der getarnte Hitler, den die Studenten nicht überlisten konnten. Der Mann, auf den sie gewartet haben. Der Mann, der den Tod verdient hätte. Nicht so, wie viele der anderen, umstrittenen Opfer. Ein sehr nachdenklich stimmendes Stück, mit viel Witz und Humor. Zu dem Gelingen haben mit Sicherheit auch die hervorragenden schauspielerischen Nachwuchstalente beigetragen.

 

Nicht nur Niklas May, der schon fast ein Routinier ist, begeisterte das Publikum. Auch die anderen Hauptdarsteller (Tim Halver, Kim van Scharrenburg, Martha Fischer, Pascal Bittner, Sebastian Berg) glänzten mit Ausdruck, Pathos, Emotionen. Und auch die Nebendarsteller haben diese Bezeichnung eigentlich gar nicht verdient, greift er doch eine ungeheure Schmälerung mit ein. Meine Gratulation gilt nicht nur Frau Fritz, sondern dem gesamten Literaturkurs! Auch den Leuten im Hintergrund; Das Bühnenbild ist ein Highlight für sich.

 

Mein Beileid hingegen gilt nicht nur den teils unsinnig Ermordeten, sondern auch denjenigen, die sich dieses Stück nicht angesehen haben. Für diese bleibt nur noch die Hoffnung auf einen Zusatztermin.

 

Einziger Kritikpunkt: Eine Altersfreigabe fehlt. Es befanden sich auch jüngere Kinder im Publikum, die nicht nur die Handlung nicht verstehen können, sondern Ihre Eltern auch beispielsweise fragen mussten (Hinter mir original so geschehen), was eigentlich ein „Ar**hf**k“ sei. Unnötig.

 

Schon fast ängstlich blicke ich jetzt meiner eigenen Literaturkursaufführung entgegen, wird das heutige Erlebnis doch schwer zu toppen sein. Denn auch, wenn wir uns nicht unbedingt in einem Konkurrenzkampf befinden, sind es doch die hohen Erwartungen des Publikums, die es nun berechtigter Weise pflegen darf.

 

Ich verbleibe mit respektvollen Grüßen,

Daniel Karthäuser