Guten Tag, Herr Comenius! ¡Buenos días, señor Comenius!
Dieser scherzhafte Gruß war im Frühjahr 2004 in Kerpen und auf Teneriffa häufig zu hören. Wieso?
Im Schuljahr 2003/04 nahm eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums der Stadt Kerpen – Europaschule – am SOKRATES-Programm der Europäischen Union teil und führte in internationaler Zusammenarbeit gemeinsam mit der ausländischen Partnerschule Instituto de Ensenanza Secundaria Puerto de la Cruz (Spanien) ein COMENIUS 1 Fremdsprachenprojekt durch mit dem Titel: „Das Familienleben in Deutschland und Spanien – ein interkultureller Vergleich“. Ziel dieses Bildungsprogramms ist es, die Fremdsprachenkenntnisse von Jugendlichen durch gemeinsame Arbeit an einem konkreten Thema zu fördern.

Die spanisch-deutsche Austauschgruppe vor unserer Schule
Zwölf junge Leute der Jahrgangstufen 10 und 11 konnten an der Maßnahme teilnehmen. Und es war erfreulich zu sehen, dass genau zur Hälfte Jungen und Mädchen dabei waren. Die Schülerinnen und Schüler lernten in einem 14-tägigen Aufenthalt in den Gastfamilien eine andere Lebensweise „von innen“ kennen, mit der sie sich in der vorbereitenden Arbeit theoretisch auseinander gesetzt hatten. Dazu gehörte im Sinne interkulturellen Lernens zunächst eine Reflexion über die eigene familiäre Situation bzw. über bekannte Familienkonstellationen im Umfeld (Scheidung, Alleinerziehende, Größe der Familien usw.) Erste e-mail-Kontakte zu den Partnern wurden in diese Phase integriert. Diese persönlichen Befunde wurden durch allgemeine Materialien ergänzt, um zu generellen Aussagen zu gelangen.
Dadurch, dass sie die gelebten Erfahrungen in der Gastfamilie als Thema für ein zu erstellendes Dossier mit einem jeweils spezifischen Schwerpunkt erhalten hatten, waren sie einerseits stärker sensibilisiert und andererseits gehalten, genaue Beobachtungen anzustellen und dann mit der eigenen Situation zu vergleichen.
Schülerinnen und Schüler verfassten selbständig zwei Fragenkataloge in der Fremdsprache zur Durchführung von Interviews. Auf diese Weise mussten sie sich intensiv mündlich bei ihrem Austauschpartner oder einer anderen Person um Informationsbeschaffung bemühen. Für weitere Recherche dienten neben schriftlichen Quellen vor allem die vor Ort zu machenden Beobachtungen.
Während des jeweiligen Aufenthaltes fanden mit den Partnerschülerinnen und -schülern, und in Kerpen auch mit anderen Schülergruppen, ausführliche Tandem-Phasen zum Thema statt, so dass Informationen von mehr Jugendlichen als nur den Partnern eingeholt und miteinander verglichen werden konnten. Die Tandemphasen dienten zudem dem eigenständigen autonomen Lernen sowie der Übernahme von Verantwortung für das Lernen des Partners bzw. der Partnerin. Zu den gemachten Erfahrungen gehört, dass die spanischen Jugendlichen anfangs gehemmt waren Deutsch zu sprechen, da sie sich unterlegen fühlten. Die deutschen Jugendlichen lernten ihre spanischen Partner zu ermutigten, um den Sprachlernprozess auch für diese so gewinnbringend wie möglich zu gestalten.
In gemeinsamer Arbeit entstand ein Videofilm über die auf Teneriffa und in Kerpen gemachten Erfahrungen, der selbständig von den Schülerinnen und Schülern gedreht, geschnitten und in beiden Fremdsprachen besprochen wurde.
Während des Aufenthaltes im jeweiligen Gastland schrieben und gestalteten die jungen Leute paarweise ein gemeinsames Tagebuch, in dem die Erfahrungen aller in beiden Sprachen festgehalten sind. Neben den gemeinsamen Sprachlernerfahrungen gab es Aktivitäten, in denen die Gruppe auch in anderer Weise zusammenarbeiten musste: ein gemeinsames Kochen und Essen (deutsche und spanische Gerichte); Sport (Übungen an der Kletterwand und Eislaufen, wobei jeweils Deutsche die Spanier und umgekehrt stützten und sicherten). Hinzu kam ein jeweils zweitägiger Aufenthalt in einer Jugendherberge in Spanien und Deutschland. Auch diese nonverbalen Aktivitäten förderten das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Bewusstsein, aufeinander angewiesen zu sein, gleichsam als eine Metapher für die Zusammengehörigkeit in Europa.
Bei der Exkursion nach Aachen wurde insbesondere auf den Karlspreis und die damit verbundene Auszeichnung großer Europäer hingewiesen. Zugleich erfuhren die jungen Leute von der historischen Verbundenheit Deutschlands und Spaniens in der Person des anderen großen Kaisers namens Karl, d.h. Karls V. Die Schülerinnen und Schüler suchten in der Galerie der Portraits nach Deutschen und Spaniern, die den Preis erhalten hatten und erfuhren so etwas über europäische Geschichte.
In Spanien lernte die deutsche Gruppe die alte Hauptstadt der Insel La Laguna kennen, die Weltkulturerbe ist. So konnte in manchen Köpfen das Klischee zurechtgerückt werden, dass Teneriffa lediglich Sonne, Meer und Strand sei.
In Kerpen besuchte die Gruppe im Zentrum des Ortes eine Stele, die darauf verweist, dass hier im Mittelalter der Jakobsweg verlief, der durch ganz Europa gehend nach Santiago de Compostela führt und auch heute noch immer und zwar mit zunehmendem Interesse gegangen wird. Durch die verschiedenen Stadterkundungen lernten die deutschen Schüler auch ihre eigene Umgebung besser kennen.
Die deutschen und spanischen Schülerinnen und Schüler evaluierten ihre Erfahrungen am Ende des Austausches mit Hilfe eines Fragebogens. Die Auswertung lässt erkennen, dass zahlreiche wertvolle Einsichten in Unterschiede und Gemeinsamkeiten gewonnen wurden und die Sprachkompetenz, insbesondere das freie Sprechen, stark verbessert werden konnten. Zahlreiche Freundschaften sind entstanden, die bereits in diesem Jahr eine Fortsetzung in Form neuerlicher Besuche erfahren werden.
Aus diesem Comenius-Projekt ist bereits ein weiteres europäisches Projekt erwachsen, diesmal im Rahmen von Leonardo. Im Frühjahr 2005 werden Schüler aus der Partnerschule in Puerto de la Cruz ein Berufspraktikum in Kerpen machen. Aber auch der Schüleraustausch wird weitergehen.